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VW-Abgasskandal: aktuelle News, Klagen und Urteile —

Alle Infos zum Abgasskandal

In Stuttgart läuft ein Aktionärsverfahren zum VW-Abgasskandal. Ex-Konzernchef Winterkorn macht vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Alle Infos zum VW-Dieselskandal!

(dpa/Reuters/cj/brü/jr/lhp) Spitzenmanager wie Ex-VW-Chef Martin Winterkorn oder Bosch-Chef Volkmar Denner müssen in einem Prozess um Anlegerklagen gegen den VW-Hauptaktionär Porsche SE voraussichtlich nicht aussagen. Die Termine für die Zeugenvernehmungen bis Mitte November 2018 würden aufgehoben, erklärte Fabian Reuschle, Richter am Landgericht Stuttgart, am 12. September. Reuschle hatte Ende Mai 2018 insgesamt zwei Dutzend Zeugen eingeladen – neben Winterkorn und Denner noch mehrere in den Dieselskandal involvierte Topmanager. Doch fast alle berufen sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht, weil gegen sie etwa Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Dieselbetrugs oder Marktmanipulation laufen und sie sich mit Aussagen in dem Schadensersatzprozess selbst belasten könnten. Außerdem gibt es weiterhin ungeklärte Rechtsfragen – insbesondere die, ob die Verfahren überhaupt weiter in Stuttgart verhandelt werden dürfen oder eigentlich dem Musterverfahren in Braunschweig zugerechnet werden müssten.

Verbraucherzentrale geht in die Offensive

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat am 11. September 2018 eine Musterfeststellungsklage angekündigt, mit der Besitzer und ehemalige Besitzer von Diesel-Fahrzeugen mit manipulierter Abgassteuerung entschädigt werden sollen. Während sich der VW-Konzern zuversichtlich zeigte, dass es keine Grundlage für die Forderungen gebe, erklärte Bundesjustizministerin Katarina Barley: "Verbraucher dürfen nicht die Dummen sein, wenn sich Unternehmen nicht rechtstreu verhalten." Die Klage, die vom ADAC unterstützt wird, will der vzbv mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Musterfeststellungsklage am 1. November beim Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig einreichen. Die Klage soll sich gegen Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Skoda und Seat mit Dieselmotoren des Typs EA 189 richten. Besitzer dieser Autotypen oder Verbraucher, die einen dieser Wagen verkauft haben, können sich kostenlos anschließen. Dafür müssen sie sich in ein Klageregister beim Bundesamt für Justiz eintragen und melden damit ihre Ansprüche an. Genauere Informationen hat der vzbv auf der Seite www.musterfeststellungsklagen.de bereitgestellt.

Ziel der vzbz-Klage: Rückabwicklung oder Zahlung

Allerdings müssen Betroffene einen langen Atem haben. Mit einem Urteil rechnen die vzbv-Juristen erst 2020. Ziel könne eine sogenannte Rückabwicklung sein. Dann müsste der Kaufpreis, möglicherweise mit Abzug einer Nutzungsgebühr, von VW erstattet werden. Denkbar sei auch eine Einmalzahlung, die sich zwischen zehn und 25 Prozent des Neupreises bewege. Nach Angaben des vzbv kommen theoretisch mehr als zwei Millionen Pkw-Besitzer für die Musterfeststellungsklage gegen VW in Betracht.

Überblick: Was Sie zum Abgasskandal wissen sollten

Der VW-Abgasskandal begann am 18. September 2015. Damals musste Volkswagen einräumen, Abgaswerte mit einer illegalen Abschalteinrichtung manipuliert zu haben. Diese erkennt, ob ein Auto auf dem Prüfstand getestet wird und reguliert auch nur dann den Schadstoffausstoß. Im normalen Verkehr auf der Straße ist das System dagegen abgeschaltet. Der Skandal kostete die Wolfsburger bisher umgerechnet mehr als 26 Milliarden Euro. Hier ein Überblick über den Abgasskandal

Die Rückrufaktion – Fragen zur Umrüstung

Neue Rückrufe für Audi: Laut eines Zeitungsberichts drohen Audi weitere Fahrzeugrückrufe durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Die Behörde untersuche das neueste Dieselmodell des A8 auf unzulässige Abschaltvorrichtungen der Abgasreinigung, berichtete die BamS am 17. Juni 2018. Audi hatte zuvor mitgeteilt, die interne Überprüfung seiner Sechszylinder-Dieselmotoren auf Abgastricksereien in Kürze abschließen zu wollen. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich im Juli 2018 dem KBA zur Bewertung vorgelegt werden. Vor einem Jahr hatte die VW-Tochter angekündigt, 850.000 Autos mit Sechs- und Achtzylindermotoren unter die Lupe zu nehmen. Die Hälfte der Motoren war in Ordnung, bei einem Viertel steht die Bewertung des KBA noch aus, für 216.000 wurden Rückrufe angeordnet, darunter war auch ein verpflichtender Rückruf für 60.000 Audi A6 und A7, 33.000 davon in Deutschland. Vorwurf: unzulässige Abschaltvorrichtungen. Am 21. Januar 2018 hatte das KBA aus dem gleichen Grund für rund 130.000 V6-Dieselfahrzeuge von Audi der Modelle A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit der Abgasnorm 6 einen Zwangsrückruf verhängt. 
Rückruf für den VW Touareg: Im Dezember 2017 ordnete das KBA einen Zwangsrückruf für 57.600 Touareg – davon 25.800 in Deutschland – mit Dreiliter-Motor und Euro 6 der Baujahre 2014 bis 2017 an. Bei ihnen wurden eine nur auf dem Prüfstand tätige "schadstoffmindernde Aufwärmstrategie" sowie eine unzulässige Einschränkung der Harnstofflösung AdBlue bei Fahrzeugen mit SCR-Abgaskatalysator festgestellt.
Rückruf bei Porsche: Bei dem Sportwagenhersteller soll nach den Diesel-Modellen des Cayenne und des Macan nun auch die der Luxuslimousine Panamera vor einem Rückruf wegen auffälliger Abgaswerte stehen. Wie der "Spiegel" Mitte Juli unter Berufung auf Informationen aus dem Bundesverkehrsministerium in Berlin meldet, werde das KBA "in Kürze" eine verpflichtende Aktion anordnen. Grund sei ein erhöhter Ausstoß schädlicher Stickoxide. Porsche erklärte am 20. Juli 2018 auf Anfrage, man wolle sich mit Blick auf die laufenden Abstimmungsprozesse nicht näher dazu äußern. Generell seien in den letzten Monaten "für Porsche-Dieselfahrzeuge umfangreiche Analysen durchgeführt" worden. Mitte Mai hatte die Behörde die Stuttgarter Volkswagen-Tochter aufgefordert, wegen einer illegalen Abschalteinrichtung rund 60.000 Dieselautos der Modelle Macan und Cayenne zurückzurufen – davon mehr als 19.000 in Deutschland. Damals bestätigte Porsche, bereits entsprechende Bescheide vom KBA erhalten zu haben. Die Motoren in den Modellen stammen von der Konzernschwester Audi.
Stand der Software-Updates: Updates bekommen haben bisher rund 2,5 Millionen Fahrzeuge, wie das Bundesverkehrsministerium Anfang Juni 2018 auf eine FDP-Anfrage mitteilte – dies war die bereits seit mehreren Monaten genannte Größenordnung. Die deutschen Autobauer haben bis Jahresende Umrüstungen für 5,3 Millionen Diesel zugesagt (weitere Infos dazu hier: Was VW-Fahrer wissen müssen), darunter 2,5 Millionen VW, aus denen eine illegale Software entfernt werden muss. 
Was ist mit noch nicht nachgerüsteten Autos? Einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster vom August zufolge müssen manipulierte Fahrzeuge mit neuer Software nachgerüstet werden, sonst droht ihnen die Stilllegung. Wer sein Fahrzeug nicht innerhalb von 18 Monaten nach Benachrichtigung nachrüsten lässt, bekommt keine neue HU-Plakette. Betroffen war zuerst der VW Amarok, im Februar 2018 kamen unter anderem VW Golf, VW Tiguan, VW Passat und Audi A4 hinzu. Einige Autofahrer weigern sich, das verbindliche Software-Update vornehmen zu lassen, weil sie Nachteile für ihren Motor fürchten.

Der aktuelle Ermittlungsstand

Was wir wissen: Bis heute ist die Verantwortung für den Betrug ungeklärt, ebenso, wann genau Top-Manager im VW-Konzern von den Manipulationen wussten. Kam die Anweisung von ganz oben? Oder trafen eine Handvoll Ingenieure auf mittlerer Ebene diese folgenschwere Entscheidung, ohne die Führungsebene zu informieren? So stellt es VW zumindest dar. Offen ist, ob der Vorstand früher vom Betrug wusste, als bislang bekannt ist. Laut "Spiegel" habe Ex-VW-Patriarch Ferdinand Piëch eben dies gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt: dass er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn bereits im Februar 2015 auf einen Hinweis auf Probleme in den USA bezüglich manipulierter Abgaswerte angesprochen habe. Ein Ingenieur soll bereits 2007 einem größeren Kreis von Audi-Managern in einer E-Mail geschrieben haben, dass man es "ganz ohne Bescheißen" nicht schaffen werde, die US-Grenzwerte beim Schadstoffausstoß von Dieselwagen einzuhalten. Unklar ist auch noch, ob VW die Aktionäre rechtzeitig informiert hat.
Wusste VW-Chef Diess frühzeitig von Abgas-Manipulation? Der amtierende VW-Chef Herbert Diess soll nach NDR-Recherchen persönlich über den Dieselbetrug informiert und vor weitreichenden Folgen gewarnt worden sein – und zwar vor der Veröffentlichung durch die US-Behörden. Nach Recherchen des Senders behauptet der ehemalige Leiter für Produktsicherheit, Bernd Gottweis, in seiner Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig, er habe am 13. September 2015 ein einseitiges Memorandum ("One-Pager") verfasst. Darin warnte er, VW habe jede Glaubwürdigkeit bei den US-Behörden verloren, eine Klageschrift stehe kurz bevor. Diese Mitteilung habe er am Morgen des 14. September 2015 Diess selbst übergeben.
Vorwürfe zu Benzinern: Volkswagen, Audi und Porsche sollen auch bei Benzinern Abgasmanipulation betrieben haben. Das berichtete die BILD am SONNTAG am 2. September 2018 und berief sich dabei auf Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft München. Laut Zeugenaussagen sollen einige Automatikgetriebe Schaltprogramme enthalten haben, die Emissionswerte auf dem Prüfstand manipulierten. Den Ermittlern liegt der Zeitung zufolge zudem eine interne Präsentation vor, die als Anleitung zum Aktivieren von speziellen "Prüfstand-Programmen" diente. So sollte der Testfahrer des T5 Bulli zum Einschalten des "Rollenmodus" die Zündung einschalten, den Warnblinker betätigen und fünf Mal das Gaspedal voll durchdrücken. VW wollte sich zu den Vorwürfen zunächst nicht äußern. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums ergaben sich bislang keine Anhaltspunkte für einen Betrug bei Benzinern des Konzerns. Das teilte die Behörde Anfang September auf Anfrage in Berlin mit. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) sei den bereits bekannten Vorwürfen nachgegangen.
Software offenbar bei Audi entwickelt: Die Anfänge des Abgasskandals gehen auf die Konzerntochter Audi zurück, recherchierte das "Handelsblatt". Bereits 1999 hätten Motorenentwickler bei den Ingolstädtern Optionen erarbeitet, wie man den schärferen Grenzwerten begegnen könne. Geplant wurde dem Bericht zufolge auch der Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung. Zum Einsatz sei es bei Audi aber nicht gekommen. Erst 2005 sei die Software bei VW beim Dieselmotor EA 189 installiert worden, von da an wurde sie nach bisherigem Erkenntnisstand diverse Mal upgedatet.

Vorwürfe gegen Porsche: Mitte Mai 2018 holte der Abgasskandal Porsche wieder ein: Laut KBA muss der deutsche Autohersteller weltweit rund 60.000 Diesel wegen unzureichender Abgasreinigung zurückrufen. Betroffen sind die SUV-Modelle Cayenne und Macan, von denen 6800 bzw. 53.000 Fahrzeuge überprüft werden müssen. Allein in Deutschland gehen etwa 15.000 Macan und 4000 Cayenne in die Werkstätten. Hintergrund der Aufforderung: KBA-Prüfer fanden beim Macan fünf illegale Abschalteinrichtungen, durch die die Abgasreinigung nur auf dem Prüfstand, nicht aber im Straßenverkehr ordnungsgemäß funktioniert. Schon im Juli 2017 hatte das KBA für 22.000 Porsche Cayenne 3.0 TDI mit V6-Motor nach Euro 6 einen verpflichtenden Rückruf angeordnet. 

Das passierte in den USA

Aufarbeitung fast abgeschlossen: In den USA, wo strengere Abgas-Grenzwerte gelten als in Europa, wurde die Manipulationssoftware erstmals eingesetzt, dort wurde der Betrug durch die Umweltbehörde EPA im September 2015 aufgedeckt. Inzwischen ist die Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW in Übersee so gut wie abgeschlossen. Das "Manager Magazin" berichtete, dass laut gerichtlichem Statusbericht bis Ende Mai 2018 rund 85 Prozent der etwa 500.000 manipulierten Fahrzeuge von VW aus dem Verkehr gezogen oder die illegale Abgastechnik in ihnen beseitigt war. Laut "Handelsblatt" machten Entschädigungszahlungen an Autofahrer und Geldstrafen an die Justiz bislang umgerechnet 15 Milliarden Euro aus. VW zahlt US-Kunden Prämien zwischen 5100 und 10.000 Dollar. Insgesamt hat VW für die Bewältigung des Dieselskandals mehr als 25 Milliarden Euro zurückgestellt.
Friedhof der Schummel-Diesel in Detroit: Im Zuge des Abgasskandals mussten in den USA Hunderttausende Schummeldiesel von Volkswagen zurückgekauft werden. Sie parken an vielen Stellen, von denen einige sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind! An einem Football-Stadion in Detroit, auf dem Gelände einer dichtgemachten Papierfabrik in Minnesota oder in Kalifornien auf einem Frachtflughafen nahe Victorville, wie auf der unten eingebundenen Karte gut zu erkennen ist. Die Zukunft der stillgelegten Autos ist ungewiss. VW hatte Pläne zum Umbau der sogenannten Schummeldiesel vorgestellt, denen die US-Behörden aber erst zustimmen müssen. Je nachdem könnten die Fahrzeuge als Gebrauchtwagen wieder in den Umlauf kommen – oder sie müssen werden. Hier der Blick aus dem All auf einen Friedhof der Schummeldiesel:
Weiterer VW-Manager verurteilt: Die US-Justiz verurteilte Ende August 2017 den langjährigen Konzerningenieur James Robert Liang in Detroit zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und vier Monaten sowie einer Geldbuße von 200.000 Dollar (knapp 168.000 Euro). Damit fällte der Richter ein überraschend hartes Urteil, das deutlich über der Forderung des Staatsanwalts lag. Noch härter traf es den Anfang Januar 2017 vom FBI in Florida festgenommenen VW-Manager Oliver Schmidt. Er wurde am 6. Dezember 2017 ebenfalls in Detroit zur Höchststrafe von sieben Jahren Haft und einer Geldstrafe von 400.000 Dollar (340.000 Euro) verurteilt. Zudem wurde er von Volkswagen kurz vor Weihnachten entlassen, wogegen Schmidt jedoch arbeitsrechtlich vorgeht. Mehrere weitere Beschuldigte halten sich in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung an die USA fürchten.

Diskussion um Abgas-Tierversuche

Im Januar 2018 sorgte das Bekanntwerden von Tierversuchen, bei denen Affen gezielt schädlichen Abgasen ausgesetzt wurden, international für Empörung. Die Autoindustrie hatte Wissenschaftler eingespannt, um Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen zu verharmlosen. An der Forschungsgruppe waren ursprünglich BMW, Daimler und VW beteiligt. Einem BILD-Bericht zufolge belegen interne E-Mails, dass die Idee zu der Studie von VW gestammt habe. Nach VW-Angaben wurde der  Forschungsverbund schon zum 30. Juni 2017 aufgelöst.

Entschädigungen und Klagen in Deutschland

Anders als in den USA weist VW gegenüber deutschen Kunden Forderungen nach Schadenersatz bislang zurück. Nur vereinzelt erzielen hartnäckige Käufer manipulierter Diesel Einzelerfolge vor Gericht. So verurteilte ein deutsches Gericht Mitte März erstmals einen VW-Händler, einen mit dem "Schummelmotor" ausgerüsteten Diesel auch nach dem vorordneten Software-Update gegen einen Neuwagen zu tauschen. Allerdings dürfte dies ein Einzelfall bleiben, denn ein Grundsatzurteil zu diesem Thema steht noch aus. Dennoch ist die Einzelfallentscheidung ein positives Signal für viele Besitzer von Schummeldieseln. Sollten andere Richter dieser Linie folgen, besteht eventuell die Chance auf eine Entschädigung der betrogenen Diesel-Käufer. 
Aktionärsklagen: Kurz nach Bekanntwerden von "Dieselgate" brach die VW-Aktie im September 2015 um mehr als 40 Prozent ein, viele Anleger mussten zunächst hohe Wertverluste hinnehmen. Inzwischen fordern viele von ihnen Schadenersatz in Gesamthöhe von rund zehn Milliarden Euro. Sie argumentieren, das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben. Vor Zivilgerichten in Braunschweig und Stuttgart laufen Verfahren, eine Entscheidung ist noch nicht absehbar.

Milliarden-Bußgeld in Deutschland: 
Zuletzt hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig in der Dieselaffäre ein Bußgeld über eine Milliarde Euro gegen Volkswagen verhängt. Den Ermittlungen zufolge sei es zu "Aufsichtspflichtverletzungen in der Abteilung Aggregate-Entwicklung im Zusammenhang mit der Fahrzeugprüfung" gekommen, bestätigte VW. Diese seien laut Staatsanwaltschaft "mitursächlich" dafür, dass von Mitte 2007 bis 2015 "insgesamt 10,7 Millionen Fahrzeuge mit dem Dieselmotor der Typen EA 288 (Gen3) in den USA und Kanada sowie EA 189 weltweit mit einer unzulässigen Softwarefunktion beworben, an Abnehmer veräußert und in den Verkehr gebracht wurden". Die Geldbuße setzt sich aus einer Ahndung in Höhe von fünf Millionen Euro sowie einer Abschöpfung wirtschaftlicher Vorteile in Höhe von 995 Millionen Euro zusammen. VW nahm die Geldbuße an. 

Die finanzielle Situation des VW-Konzerns

Gewinn trotz neuer Belastung: Obwohl der Abgasskandal den Konzern sowohl wegen des erlittenen Vertrauensverlustes, der Strafzahlungen in Milliardenhöhe und des einbrechenden Dieselabsatzes teuer zu stehen gekommen ist, geht es ihm besser denn je: Im Jahr 2017 fuhr der Konzern einen Rekordgewinn von elf Milliarden Euro ein.
Die Talfahrt der Aktie: Nach Bekanntwerden des Skandals stürzte die VW-Vorzugsaktie von etwa 170 auf zeitweise deutlich unter 100 Euro ab. Aktuell (Stand: 30. Juli 2018) steht sie bei rund 149 Euro, das ist etwas mehr als vor dem Abgasskandal.
Diese Kosten muss VW wuppen: In den USA einigte sich VW mit Klägern und Gerichten bislang auf Straf- und Ausgleichszahlungen in Höhe von etwa 25 Milliarden Euro. In Deutschland wurde die Zahlung einer Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Euro fällig. Wie viel VW in anderen Ländern zahlen muss, ist noch nicht entschieden, die Prozesse laufen noch – oder haben noch gar nicht begonnen. Zu den Zahlungen aus Straf- und Zivilklagen kommen die Kosten für Autorückkäufe in den USA und die Umrüstungen in Europa. 

Personelle Konsequenzen / Ermittlungen gegen VW-Manager

Nach Bekanntwerden des Abgasskandals mussten hochrangige VW-Manager ihre Sessel räumen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Winterkorn ging Ende September 2015, er räumte bislang kein Fehlverhalten ein. Allerdings prüft die Braunschweiger Staatsanwaltschaft seit Ende 30. Juli Hinweise auf Steuerhinterziehung, denn Winterkorn soll zehn Millionen Euro auf Schweizer Konten übertragen haben, für die, falls Teile der Summe eine Schenkung waren, für die mehr als eine halbe Million Euro Schenkungssteuer angefallen wäre. Angesichts der Dieselaffäre drohen Winterkorn hohe Schadensersatzansprüche von VW. Fraglich ist, ob VW auf Gelder im Besitz von Winterkorns Frau zugreifen könnte. Gegen Winterkorn läuft zudem in den USA ein Verfahren wegen Betrugs und Verschwörung. Sein Nachfolger wurde 2015 der damalige Porsche-Chef Matthias Müller, der wiederum von Oliver Blume, bis dahin Porsche-Produktionsvorstand, beerbt wurde. Den Konzern verlassen mussten Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz. Nach Neußer sowie vier weiteren, teils hochrangigen Ex-Mitarbeitern fahndet die US-Justiz. Audi-Chef Rupert Stadler, gegen den wegen Betrugs ermittelt wird, sitzt weiterhin in Untersuchungshaft. Eine Freilassung auf Kaution wies die Staatsanwaltschaft jüngst ab. Mit Stadler sitzt erstmals ein Mitglied der obersten VW-Führungsetage in U-Haft. 
Razzia bei Porsche: Wegen des Verdachtes des Betruges und strafbarer Werbung mit manipulierten Dieselabgaswerten durchsuchten am 18. April 2018 mehr als 200 Einsatzkräfte zehn Objekte in Baden-Württemberg und Bayern. Porsche-Motorenchef Jörg Kerner wurde festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft insgesamt drei Beschuldigten vor, von Manipulationen bei den von Audi entwickelten Motoren gewusst zu haben. "Wir weisen diesen Vorwurf zurück und tun unser Möglichstes, um alles in Ordnung zu bringen", schrieb der neue Vorstandschef Oliver Blume in einem Brief an die Belegschaft.
Razzien bei Audi: Im Zuge der Abgas-Affäre ließ die Staatsanwaltschaft München II am 6. Februar 2018 Geschäftsräume in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm durchsuchen. 18 Staatsanwälte und Beamte der beiden Landeskriminalämter Bayern und Baden-Württemberg waren dabei im Einsatz, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Außerdem wurde eine Privatwohnung in Baden-Württemberg überprüft. Im Fokus der Ermittler stand der Einsatz von technischen Vorrichtungen zur Manipulation von Abgaswerten in 3-Liter-Dieselmotoren, die für den europäischen Markt bestimmt waren, hieß es. Anfang Juni nahm die Staatsanwaltschaft eine weitere Razzia bei Audi vor. Dabei wurden auch die Privaträume von Audi-Chef Stadler durchsucht. 
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Ex-Porsche-Motorenentwickler Wolfgang Hatz wurde Ende Juni gegen eine Kaution von drei Millionen Euro aus der Untersuchungshaft entlassen. Gegen ihn sowie einem weiteren Ex-Audi-Manager laufen Verfahren wegen des Vorwurfs des Betrugs. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem gegen mehrere hochrangige VW-Manager wegen Betrugs und Marktmanipulation, unter anderem gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den aktuellen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Pötsch war unter Winterkorn Finanzvorstand bei VW, er ist derzeit zudem Vorstandsvorsitzender der Porsche SE. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig läuft zudem ein Verfahren wegen Geldwäsche und möglicher Steuerhinterziehung, bedingt durch eine Millionenüberweisung in die Schweiz. Die Strafverfolger in der Diesel-Affäre gehen außerdem in mehreren Dutzend Fällen dem Verdacht des Betrugs nach, auch gegen Winterkorn.

Der Blick in die Zukunft für VW

Konsequenzen und Einsichten: Der Dieselskandal, der längst große Teile der gesamten Autobranche erfasst hat, brachte eine Wende, nicht nur in Sachen Unternehmenskultur, sondern vor allem hin zum Elektroauto. VW stellt mit dem 2020 startenden Elektro-Hoffnungsträger ID und seinen Ablegern eine ganz neue Modellfamilie aufs Gleis. Man hat verstanden, wie wichtig Digitalisierung und Mobilitätsdienstleistungen sind. Weiteres Indiz: die 13. Konzernmarke Moia, die unter anderem Shuttle-Dienste anbieten soll. Gleichzeitig aber müssen auch die Verbrennungsmotoren weiterentwickelt werden, was Milliarden verschlingt. Ein Team arbeitet am Verkauf von nicht mehr zum Kerngeschäft zählenden Teilen, bestätigte VW-Chef Müller im September 2017. 
Folgen für die Belegschaft: In der Reaktion auf den Abgasskandal ging VW auf Sparkurs. Im Konzern dürfte sich die Job-Charakteristik verändern, denn für  die baulich einfacheren Elektroantriebe werden weniger Beschäftigte als bisher gebraucht. Der "Zukunftspakt", dem Betriebsratschef Bernd Osterloh nach langem Ringen mit dem bisherigen VW-Markenchef Herbert Diess zustimmte, ist vor allem ein Sparprogramm, das unter anderem den Wegfall von weltweit bis zu 30.000 Jobs vorsieht.
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