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VW-Abgasskandal: aktuelle News, Klagen und Urteile —

Alle Infos zum Abgasskandal

Der Bundesgerichtshof (BGH) als höchste zivile Instanz hat im VW-Skandal mit einem wichtigen Beschluss Kunden den Rücken gestärkt. Alle Infos zur VW-Affäre!

(dpa/Reuters/cj/brü/jr/lhp) Der Bundesgerichtshof (BGH) ist mit einer wichtigen rechtlichen Einschätzung klagenden Dieselkäufern zur Seite gesprungen. Demnach ist die illegale Abgastechnik in den Autos als Sachmangel einzustufen. Das teilte das Gericht am 22. Februar 2019 in Karlsruhe mit. Ein umfangreicher Hinweisbeschluss (Az. VIII ZR 225/17) soll folgen. Die obersten Zivilrichter stellen außerdem klar, dass Händler betroffenen Neuwagenkäufern die Lieferung eines anderen Autos ohne das Problem nicht einfach verwehren können, nur weil das Modell nicht mehr hergestellt wird – und stellt sich damit der Argumentation von VW entgegen. Der Austausch könne höchstens daran scheitern, dass im einzelnen Fall die Kosten unverhältnismäßig hoch seien. Der 19-seitige Hinweisbeschluss gibt die vorläufige Einschätzung des Senats wieder und ist noch kein Urteil. Dennoch gehe davon für die unteren Instanzen eine Signalwirkung aus, sagte eine BGH-Sprecherin: "Es ist zu erwarten, dass sie sich an dieser vorläufigen Rechtsauffassung orientieren werden."

Interpretationen gehen weit auseinander

Verbraucherschützer begrüßten die höchstrichterlichen Feststellungen des BGH zur VW-Schummelsoftware. Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, sagte, zwar sei der Beklagte in diesem Fall ein Händler und nicht der VW-Konzern. Die Äußerung des BGH habe dennoch auch eine Signalwirkung für die Musterfeststellungsklage seines Verbands gegen VW und sei damit "eine wirklich gute Nachricht" für Verbraucher. Nach Einschätzung des Volkswagenkonzerns sind indes keine Rückschlüsse zu Erfolgsaussichten derartiger Klagen möglich. VW betonte, die im Hinweisbeschluss geäußerten Erwägungen seien vorläufig, der Bundesgerichtshof habe noch keine Entscheidung getroffen. Die Vorinstanzen hätten einen Nachlieferungsanspruch im konkreten Fall abgelehnt.

Was Sie zum Abgasskandal wissen sollten

Der VW-Abgasskandal begann am 18. September 2015, als Volkswagen einräumen musste, Abgaswerte mit einer illegalen Abschalteinrichtung manipuliert zu haben. Hier ein Überblick über den Abgasskandal

Klagen und Entschädigungen in Deutschland

In Deutschland weist VW anders als in den USA Forderungen einzelner Kunden nach Schadenersatz bislang zurück. Das Argument: Die Fahrzeuge seien zugelassen, technisch in Ordnung und fahrbereit. Doch immer häufiger erzielen hartnäckige Käufer manipulierter Diesel Einzelerfolge vor Gericht. Am 22. Februar 2019 stufte der Bundesgerichtshof in einem Beschluss die illegale Abschaltvorrichtung als Sachmangel ein.
Verbraucherzentrale will Entschädigungen einklagen: Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hatte Anfang November 2018 eine Musterfeststellungsklage eingereicht, mit der Besitzer und ehemalige Besitzer von Diesel-Fahrzeugen mit manipulierter Abgassteuerung entschädigt werden sollen. Die Klage richtet sich gegen Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Skoda und Seat mit Dieselmotoren des Typs EA 189. Bis Anfang Februar 2019 hatten sich rund 400.000 Käufer der Klage angeschlossen. Dafür mussten sie sich in ein Klageregister beim Bundesamt für Justiz eintragen und damit ihre Ansprüche anmelden. Genauere Informationen hat der vzbv auf der Seite www.musterfeststellungsklagen.de bereitgestellt. Auch der Rechtsdienstleister MyRight klagt für rund 19.000 Dieselkunden gegen Volkswagen auf Schadenersatz.

Aktionärsklagen:
Kurz nach Bekanntwerden von "Dieselgate" brach die VW-Aktie im September 2015 um mehr als 40 Prozent ein, viele Anleger mussten zunächst hohe Wertverluste hinnehmen. Inzwischen fordern viele von ihnen Schadenersatz in Gesamthöhe von rund zehn Milliarden Euro. Sie argumentieren, das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben. Vor Zivilgerichten in Braunschweig und Stuttgart laufen Verfahren, eine Entscheidung ist noch nicht absehbar.

Bußgelder gegen Audi und VW in Deutschland: 
Mitte Oktober 2018 erging ein Bußgeldbescheid über 800 Millionen Euro der Staatsanwaltschaft München. Die Geldbuße setzt sich laut Volkswagen aus dem gesetzlichen Höchstmaß einer Ahndung von 5 Millionen Euro sowie einer Abschöpfung wirtschaftlicher Vorteile in Höhe von 795 Millionen Euro zusammen. Der Autobauer kündigte an, Audi werde gegen die Geldbuße keine Rechtsmittel einlegen. Zuletzt hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig in der Dieselaffäre ein Bußgeld über eine Milliarde Euro gegen Volkswagen verhängt. Den Ermittlungen zufolge sei es zu "Aufsichtspflichtverletzungen in der Abteilung Aggregate-Entwicklung im Zusammenhang mit der Fahrzeugprüfung" gekommen, bestätigte VW. Auch diese Geldbuße setzt sich aus einer Ahndung in Höhe von fünf Millionen Euro sowie einer Abschöpfung wirtschaftlicher Vorteile in Höhe von 995 Millionen Euro zusammen. VW nahm die Geldbuße an.

Die Rückrufaktion – Fragen zur Umrüstung

Stand der Software-Updates: Die deutschen Autobauer hatten bis Jahresende 2018 Umrüstungen für 5,3 Millionen Diesel zugesagt (weitere Infos dazu hier: Was VW-Fahrer wissen müssen), darunter 2,5 Millionen VW, aus denen eine illegale Software entfernt werden muss. Bis Mitte Dezember waren jedoch nur 3,75 Millionen Fahrzeuge fertig umgerüstet.
Was ist mit noch nicht nachgerüsteten Autos? Einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster vom August 2018 zufolge müssen manipulierte Fahrzeuge mit neuer Software nachgerüstet werden, sonst droht ihnen die Stilllegung. Wer sein Fahrzeug nicht innerhalb von 18 Monaten nach Benachrichtigung nachrüsten lässt, bekommt keine neue HU-Plakette. Betroffen war zuerst der VW Amarok, im Februar 2018 kamen unter anderem VW Golf, VW Tiguan, VW Passat und Audi A4 hinzu. Einige Autofahrer weigerten sich, das verbindliche Software-Update vornehmen zu lassen, weil sie Nachteile für ihren Motor fürchteten.
Rückrufe bei Audi: Auch bei der Volkswagen-Tochter aus Ingolstadt liefen mehrere Rückrufaktionen wegen manipulierter Dieselfahrzeuge, so im Dezember 2018 für insgesamt 64.000 Audi A6, A7, A8, Q5 und SQ5 mit V-TDI-Motoren. Im Januar 2018 verhängte das KBA für alle neuen Audi-Modelle mit V6-Dieselmotor einen Zwangsrückruf. Es hatte in A4, A5, A6, A7, A8, Q5, SQ5 und Q7 mit Euro 6 unzulässige Abschalteinrichtungen festgestellt. In Europa waren 127.000 Fahrzeuge betroffen, davon 77.600 in Deutschland. Die umfangreichste Aktion gab es im Juli 2017, als Audi anbot, 850.000 Autos mit Sechs- und Achtzylindermotoren der Abgasnormen Euro 5 und 6 mit Software upzudaten.
Rückruf bei Porsche: Im Mai 2018 wurde vom KBA für den Cayenne Euro 6 4,2 Liter V8 TDI (6755 Stück, davon 3954 Stück in Deutschland) und den Macan Euro 6 3,0 Liter V6 TDI (52.831 Stück, davon 15.180 Stück in Deutschland) ein verpflichtender Rückruf angeordnet. Medienberichten zufolge war wenig später auch die Luxuslimousine Panamera wegen auffälliger Abgaswerte betroffen, eine offizielle Bestätigung gab es vonseiten des KBA oder Porsche aber nicht. Die Motoren in den Modellen stammen von der Konzernschwester Audi. Als Reaktion auf den Abgasskandal kehrte Porsche vom Diesel ab.

Der aktuelle Ermittlungsstand

Was wir (nicht) wissen: Bis heute ist die Verantwortung für den Betrug ungeklärt, ebenso, wann genau Topmanager im VW-Konzern von den Manipulationen wussten. Kam die Anweisung von ganz oben? Oder trafen eine Handvoll Ingenieure auf mittlerer Ebene diese folgenschwere Entscheidung, ohne die Führungsebene zu informieren? So stellt es VW dar. Offen ist, ob der Vorstand früher vom Betrug wusste, als bislang bekannt ist. Laut "Spiegel" hat Ex-VW-Patriarch Ferdinand Piëch gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig ausgesagt, dass er den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn bereits im Februar 2015 auf einen Hinweis auf Probleme in den USA bezüglich manipulierter Abgaswerte angesprochen habe. Ein Ingenieur soll bereits 2007 einem größeren Kreis von Audi-Managern in einer E-Mail geschrieben haben, dass man es "ganz ohne Bescheißen" nicht schaffen werde, die US-Grenzwerte beim Schadstoffausstoß von Dieselwagen einzuhalten. Strittig ist auch noch, ob VW die Aktionäre rechtzeitig informiert hat.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 52 Beschuldigte: Im Abgasskandal von Volkswagen ist die Zahl der Beschuldigten gestiegen. "Wir ermitteln nun gegen 52 Beschuldigte", sagte ein  Braunschweiger Staatsanwalt am 26. Oktober 2018. Bisher hatte die Behörde insgesamt 49 mutmaßlich Beteiligte im Visier. Drei weitere Beschuldigte sind laut Staatsanwaltschaft zu dem Verfahren wegen Software-Manipulationen beim Stickstoffdioxid-Ausstoß von Dieselautos hinzugekommen. In diesem Zusammenhang sind nun 42 Personen im Fokus der Ermittler. Bei sechs Verdächtigen geht es um falsche CO2- und Verbrauchsangaben, in drei Fällen um Marktmanipulation und in einem Fall um einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll.
Wusste VW-Chef Diess frühzeitig von Abgas-Manipulation? Der amtierende VW-Chef Herbert Diess soll nach NDR-Recherchen persönlich über den Dieselbetrug informiert und vor weitreichenden Folgen gewarnt worden sein – und zwar vor der Veröffentlichung durch die US-Behörden. Nach Recherchen des Senders behauptet der ehemalige Leiter für Produktsicherheit, Bernd Gottweis, in seiner Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig, er habe am 13. September 2015 ein einseitiges Memorandum ("One-Pager") verfasst. Darin warnte er, VW habe jede Glaubwürdigkeit bei den US-Behörden verloren, eine Klageschrift stehe kurz bevor. Diese Mitteilung habe er am Morgen des 14. September 2015 Diess selbst übergeben.
Vorwürfe zu Benzinern: Volkswagen, Audi und Porsche sollen auch bei Benzinern Abgasmanipulation betrieben haben. Das berichtete die BILD am SONNTAG am 2. September 2018 und berief sich dabei auf Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft München. Laut Zeugenaussagen sollen einige Automatikgetriebe Schaltprogramme enthalten haben, die Emissionswerte auf dem Prüfstand manipulierten. Den Ermittlern liegt der Zeitung zufolge zudem eine interne Präsentation vor, die als Anleitung zum Aktivieren von speziellen "Prüfstand-Programmen" diente. So sollte der Testfahrer des T5 Bulli zum Einschalten des "Rollenmodus" die Zündung einschalten, den Warnblinker betätigen und fünf Mal das Gaspedal voll durchdrücken. VW wollte sich zu den Vorwürfen zunächst nicht äußern.
Software offenbar bei Audi entwickelt: Die Anfänge des Abgasskandals gehen auf die Konzerntochter Audi zurück, recherchierte das "Handelsblatt". Bereits 1999 hätten Motorenentwickler bei den Ingolstädtern Optionen erarbeitet, wie man den schärferen Grenzwerten begegnen könne. Geplant wurde dem Bericht zufolge auch der Einsatz einer illegalen Abschalteinrichtung. Zum Einsatz sei es bei Audi aber nicht gekommen. Erst 2005 sei die Software bei VW beim Dieselmotor EA 189 installiert worden, von da an wurde sie nach bisherigem Erkenntnisstand diverse Mal upgedatet.

Das passierte in den USA

Anfänge in Übersee: In den USA, wo strengere Abgas-Grenzwerte gelten als in Europa, wurde die Manipulationssoftware erstmals eingesetzt. Dort wurde der Betrug durch die Umweltbehörde EPA im September 2015 aufgedeckt. Inzwischen ist die Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW in Übersee so gut wie abgeschlossen. Im September 2016 einigte sich VW mit den rund 650 Händlern auf eine Entschädigung von 1,2 Milliarden Dollar. Im Oktober folgte die Genehmigung eines Vergleichs mit den Kunden, der bis zu 16,5 Milliarden Dollar kostete, im Januar 2017 ein Vergleich mit dme Justizministerium und der Zollbehörde (4,3 Mrd. Dollar). Das "Manager Magazin" berichtete, dass laut gerichtlichem Statusbericht bis Ende Mai 2018 rund 85 Prozent der etwa 500.000 manipulierten Fahrzeuge von VW aus dem Verkehr gezogen oder die illegale Abgastechnik in ihnen beseitigt war. Laut "Handelsblatt" machten Entschädigungszahlungen an Autofahrer und Geldstrafen an die Justiz bislang umgerechnet 15 Milliarden Euro aus. VW zahlt US-Kunden Prämien zwischen 5100 und 10.000 Dollar.
Friedhof der Schummel-Diesel in Detroit: Im Zuge des Abgasskandals mussten in den USA Hunderttausende Schummeldiesel von Volkswagen zurückgekauft werden. Sie parkten an vielen Stellen, von denen einige sogar auf Satellitenbildern zu sehen sind! An einem Football-Stadion in Detroit, auf dem Gelände einer dichtgemachten Papierfabrik in Minnesota oder in Kalifornien auf einem Frachtflughafen nahe Victorville, wie auf der unten eingebundenen Karte gut zu erkennen ist. Die Zukunft der stillgelegten Autos ist ungewiss. VW hatte Pläne zum Umbau der sogenannten Schummeldiesel vorgestellt, denen die US-Behörden aber erst zustimmen müssen. Je nachdem könnten die Fahrzeuge als Gebrauchtwagen wieder in den Umlauf kommen – oder sie müssen vernichtet werden. Hier der Blick aus dem All auf einen Friedhof der Schummeldiesel:
Weiterer VW-Manager verurteilt: Die US-Justiz verurteilte Ende August 2017 den langjährigen Konzerningenieur James Robert Liang in Detroit zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und vier Monaten sowie einer Geldbuße von 200.000 Dollar (knapp 168.000 Euro). Damit fällte der Richter ein überraschend hartes Urteil, das deutlich über der Forderung des Staatsanwalts lag. Noch härter traf es den Anfang Januar 2017 vom FBI in Florida festgenommenen VW-Manager Oliver Schmidt. Er wurde am 6. Dezember 2017 ebenfalls in Detroit zur Höchststrafe von sieben Jahren Haft und einer Geldstrafe von 400.000 Dollar (340.000 Euro) verurteilt. Zudem wurde er von Volkswagen kurz vor Weihnachten entlassen, inzwischen sogar auf Schadenersatz verklagt. Mehrere weitere Beschuldigte halten sich in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung an die USA fürchten. Am 17. Januar 2019 wurde bekannt, dass auch vier ehemalige hochrangige Manager von Audi angeklagt sind. Sie waren unter anderem in der Motoren- und Dieselentwicklung tätig.

Diskussion um Abgas-Tierversuche

Im Januar 2018 sorgte das Bekanntwerden von Tierversuchen, bei denen Affen gezielt schädlichen Abgasen ausgesetzt wurden, international für Empörung. Die Autoindustrie hatte Wissenschaftler eingespannt, um Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen zu verharmlosen. An der Forschungsgruppe waren ursprünglich BMW, Daimler und VW beteiligt. Einem BILD-Bericht zufolge belegen interne E-Mails, dass die Idee zu der Studie von VW gestammt habe. Nach VW-Angaben wurde der  Forschungsverbund schon zum 30. Juni 2017 aufgelöst.

Die finanzielle Situation des VW-Konzerns

Der Dieselskandal hat Volkswagen bisher 28 Milliarden Euro gekostet (Stand: Februar 2019). Allein im Jahr 2018 fielen etwa 5,5 Milliarden Euro an Bußgeldern, Strafzahlungen, Entschädigungen für Investoren und Kunden sowie technische Umrüstungen an. Für 2019 rechnet der Konzern nach Angaben von Finanzvorstand Frank Wittwer mit einer Summe von zwei Milliarden Euro, 2020 werden es vermutlich noch eine Milliarde Euro sein.
Die Talfahrt der Aktie: Nach Bekanntwerden des Skandals stürzte die VW-Vorzugsaktie von etwa 170 auf zeitweise deutlich unter 100 Euro ab. Im Februar 2019 stand sie bei rund 143 Euro, das war etwas mehr als vor dem Abgasskandal (Stand: 8. Februar 2019).

Personelle Konsequenzen / Ermittlungen gegen VW-Manager

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Die Zahl der Beschuldigten ist im Oktober 2018 auf 52 Beschuldigte gestiegen. Das teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Bisher hatte die Behörde insgesamt 49 mutmaßlich Beteiligte im Visier. Im Verfahren wegen Software-Manipulationen beim Stickstoffdioxid-Ausstoß sind nun 42 Personen im Fokus der Ermittler. Bei sechs Verdächtigen geht es um falsche CO2- und Verbrauchsangaben, in drei Fällen um Marktmanipulation und in einem Fall um einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Ex-Porsche-Motorenentwickler Wolfgang Hatz wurde Ende Juni gegen eine Kaution von drei Millionen Euro aus der Untersuchungshaft entlassen. Gegen ihn sowie einem weiteren Ex-Audi-Manager laufen Verfahren wegen des Vorwurfs des Betrugs. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem gegen mehrere hochrangige VW-Manager wegen Betrugs und Marktmanipulation, unter anderem gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den ehemaligen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Pötsch war unter Winterkorn Finanzvorstand bei VW, er ist derzeit zudem Vorstandsvorsitzender der Porsche SE. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig läuft zudem ein Verfahren wegen Geldwäsche und möglicher Steuerhinterziehung, bedingt durch eine Millionenüberweisung Winterkorns in die Schweiz. Die Strafverfolger in der Diesel-Affäre gehen außerdem in mehreren Dutzend Fällen dem Verdacht des Betrugs nach, auch gegen Winterkorn.
Entlassungen: Wegen des Abgasskandals mussten hochrangige VW-Manager ihre Sessel räumen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Winterkorn ging Ende September 2015, er räumte bislang kein Fehlverhalten ein. Allerdings prüft die Braunschweiger Staatsanwaltschaft seit Ende 30. Juli Hinweise auf Steuerhinterziehung, denn Winterkorn soll zehn Millionen Euro auf Schweizer Konten übertragen haben, für die, falls Teile der Summe eine Schenkung waren, für die mehr als eine halbe Million Euro Schenkungssteuer angefallen wäre. Angesichts der Dieselaffäre drohen Winterkorn hohe Schadensersatzansprüche von VW. Fraglich ist, ob VW auf Gelder im Besitz von Winterkorns Frau zugreifen könnte. Gegen Winterkorn läuft zudem in den USA ein Verfahren wegen Betrugs und Verschwörung. Sein Nachfolger wurde 2015 der damalige Porsche-Chef Matthias Müller, der wiederum von Oliver Blume, bis dahin Porsche-Produktionsvorstand, beerbt wurde. Den Konzern verlassen mussten Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz. Nach Neußer sowie vier weiteren, teils hochrangigen Ex-Mitarbeitern fahndet die US-Justiz. Audi-Chef Rupert Stadler, gegen den wegen Betrugs ermittelt wird, wurde am 30. Oktober 2018 unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Mittlerweile hat sich Audi von Stadler getrennt, behält aber die ihm bis zum Ablauf seines Vertrages zustehende Summe von bis zu zehn Millionen Euro zunächst ein. Die vertragliche Abwicklung für die Vertragsauflösung wurde an den Verlauf und den Ausgang des Strafverfahrens geknüpft. Stadlers kommissarischer Nachfolger Bram Schot soll regulärer Audi-Chef werden, hieß es am 27. November 2018 aus gut unterrichteten Kreisen.
Razzia bei Porsche: Wegen des Verdachtes des Betruges und strafbarer Werbung mit manipulierten Dieselabgaswerten durchsuchten am 18. April 2018 mehr als 200 Einsatzkräfte zehn Objekte in Baden-Württemberg und Bayern. Porsche-Motorenchef Jörg Kerner wurde festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft insgesamt drei Beschuldigten vor, von Manipulationen bei den von Audi entwickelten Motoren gewusst zu haben. "Wir weisen diesen Vorwurf zurück und tun unser Möglichstes, um alles in Ordnung zu bringen", schrieb der neue Vorstandschef Oliver Blume in einem Brief an die Belegschaft.
Razzien bei Audi: Im Zuge der Abgas-Affäre ließ die Staatsanwaltschaft München II am 6. Februar 2018 Geschäftsräume in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm durchsuchen. 18 Staatsanwälte und Beamte der beiden Landeskriminalämter Bayern und Baden-Württemberg waren dabei im Einsatz, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Außerdem wurde eine Privatwohnung in Baden-Württemberg überprüft. Im Fokus der Ermittler stand der Einsatz von technischen Vorrichtungen zur Manipulation von Abgaswerten in 3-Liter-Dieselmotoren, die für den europäischen Markt bestimmt waren, hieß es. Anfang Juni nahm die Staatsanwaltschaft eine weitere Razzia bei Audi vor. Dabei wurden auch die Privaträume vom damaligen Audi-Chef Stadler durchsucht. 

Der Blick in die Zukunft für VW

Konsequenzen und Einsichten: Der Dieselskandal brachte bei VW eine Wende, nicht nur in Sachen Unternehmenskultur, sondern vor allem hin zum Elektroauto. VW stellt mit dem 2020 startenden Elektro-Hoffnungsträger ID und seinen Ablegern eine ganz neue Modellfamilie auf und fokussiert stärker auf Digitalisierung und Mobilitätsdienstleistungen. Weiteres Indiz: die 13. Konzernmarke Moia, die unter anderem Shuttle-Dienste anbieten soll.  
Folgen für die Belegschaft: In der Reaktion auf den Abgasskandal ging VW auf Sparkurs. Im Konzern dürfte sich die Job-Charakteristik verändern, denn für  die baulich einfacheren Elektroantriebe werden weniger Beschäftigte als bisher gebraucht. Der "Zukunftspakt" sieht unter anderem den Wegfall von weltweit bis zu 30.000 Jobs vor.
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