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Tesla Model 3: Test —

Model 3 – gefahren, gemessen, bewertet!

Das Model 3 ist das begehrteste Auto der Welt. Eine halbe Million Menschen haben es vorbestellt. Wie gut es wirklich ist, klärt unser Test.

Wir Autotester sind manchmal begehrt: Keine Grillparty und kein Familienfest ohne die Frage von Freunden und Bekannten: "Kann ich den kaufen? Wie gut ist der wirklich?" Beim Tesla Model 3 gab's von uns bisher nur ein Schulterzucken. Was die halbe Million Menschen weltweit erwartet, die blind 1000 Dollar für die Limousine angezahlt haben, ohne zu wissen, was sie bekommen? Bislang unklar. Als erstes Fachmagazin jagt AUTO BILD jetzt das Model 3 durch den harten deutschen Testalltag. Ohne Gnade, wie immer. Und ohne Heldenverehrung vor der Leistung Teslas. Die gleichen Kriterien also, die wir an jedes andere Auto auch anlegen. Business as usual?

Noch gehört der Tesla Model 3 zu den absoluten Exoten

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So ganz dann doch nicht. Als der Tesla auf unserem Testgelände per Transporter angeliefert wird, sind alle ein klein wenig mehr gespannt als sonst. Schließlich fühlen wir einem Auto auf den Zahn, das in Deutschland viel seltener ist als jeder Ferrari, Lamborghini oder Bugatti. Gerade einmal eine Handvoll Exemplare haben ihren Weg über den großen Teich gefunden. Offiziell ist das Model 3 erst Ende 2018 verfügbar. Schon beim Öffnen wird klar, wo die Amis das Geld im Vergleich zum Model S gespart haben. Statt eines Schlüssels in Form des Autos gibt es eine labberige Magnetkarte. Dieses Kärtchen muss man an die B-Säule halten, um das Auto aufzuschließen. Hochwertig geht anders. Auch die Türgriffe fahren nicht so elegant aus dem Blech wie bei den großen Modellen, sie erinnern eher an einen alten Fiat Barchetta. War damals übrigens schon fummelig.

Verarbeitung und Materialqualität sind auf BMW-Niveau

Das war es dann auch schon mit der Kritik. Der Innenraum überrascht mit seiner Reduktion. Keine Schalter weit und breit, einzig die Fensterheber und zwei Drehknubbel auf dem Lenkrad müssen reichen. Dazu gibt es eine routinierte Verarbeitung und klassenübliche Materialien – auch wenn im unteren Cockpitbereich kratzempfindliches Hartplastik verbaut wird. Schlechter als ein BMW 3er ist der Tesla nicht, auch wenn das nicht für die erste Qualitätsreihe reicht. Bei der Bedienung können wir Entwarnung geben. Wer mit einem iPad unfallfrei umgehen kann, kommt auch mit dem Model 3 klar. Logische Menüs, einfach strukturiert. Anders als bei den klassischen Konkurrenten, aber keinesfalls schlechter. Auch auf dem Testgelände schlägt sich der Tesla gut. Von 0 auf 100 km/h geht es in rund 5,5 Sekunden, auch zehnmal hintereinander. Dabei begeistert der Elektropunch von der ersten Drehzahl an, auch wenn das Model 3 nicht ganz so bissig zur Sache geht wie die größeren Tesla und bei feuchter Fahrbahn auch schon einmal mit Traktionsproblemen (nur Hinterradantrieb!) zu kämpfen hat.
Enttäuschend hingegen die Bremswerte. Wegen der verbauten US-Ganzjahresreifen von Michelin rutscht der Tesla schon mit kalten Bremsen rund 41 Meter weit, mit warmer Bremsanlage werden es sogar gut 43 Meter. Die Konkurrenz steht fünf Meter früher. Auch das Fahrverhalten leidet ein wenig unter den Reifen. Brav untersteuernd schiebt das Model 3 im Grenzbereich über die Vorderräder – unspektakulär, aber auch unsportlich.

Bei der Model 3-Lenkung gibt es noch Optimierungspotenzial

Das passt nicht so ganz zur Lenkung. Die ist in drei Modi verstellbar, arbeitet entweder teigig (im Komfort-Modus) oder um die Mittellage viel zu spitz (Sport-Modus), das bringt eine Menge Unruhe ins Auto. Schade eigentlich, denn das Model 3 zeigt, welche Fortschritte Tesla in den vergangenen Jahren gemacht hat. Die Federung arbeitet ähnlich komfortabel und ausgewogen wie bei Model S und X, kurze Unebenheiten schluckt die Limousine straff, aber souverän weg. Auch die lauten Fahrwerksgeräusche der großen Tesla sind Geschichte. Alles gut also? Nicht ganz. Das Platzangebot der fast 4,70 Meter langen Limousine enttäuscht. Während vorn völlig ausreichend Platz ist, reicht die Rückbank kaum für Passagiere über 1,80 Meter Länge. Dafür, dass die Technik so wenig Platz braucht, ist das zu wenig. Und auch der Gepäckraum ist zu klein, schluckt mit 340 Litern einen Koffer weniger als die Konkurrenz – und ist durch die winzige Öffnung nur schwer zu beladen. Das Fach vorn mit 85 Litern Volumen ist da nur ein schwacher Trost.
Kommen wir zum Preis. Umgerechnet kostet das Long-Range-Modell mit einer Alltagsreichweite von 460 Kilometern rund 46.700 Euro. Für das empfehlenswerte Premium-Interieur- Paket sind weitere 4500 Euro fällig. Nicht zu viel, der Tesla überzeugt und ist eine echte Alternative. Und bekommt die begehrte Note 2+ von uns Auto-Testern.
Autoren: Mirko Menke, Stefan Voswinkel