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Neue Studie: seit 2000 zu viel fürs Tanken bezahlt —

5,5 Milliarden Euro zu viel bezahlt?

Seit Jahren sollen in Deutschland falsch angegebene Verbräuche zu Mehrkosten beim Tanken geführt haben – in Milliardenhöhe!

Die Umstellung auf die aktuelle Messmethode WLTP (Worldwide har­monized Light vehicles Test Procedure) zum 1. September 2018 macht die Kfz-Steuer für viele Neuwagen teurer – weil die offiziellen Verbrauchsangaben künftig höher ausfallen. Aber auch in der Vergangenheit zahlten viele Autofahrer offenbar ordentlich drauf, und zwar an der Tankstelle. Das zeigt eine neue Studie: Im Jahr 2017 haben deutsche Autofahrer demnach 5,5 Milliarden Euro zusätzlich für Benzin und Diesel ausgegeben, weil ihre Wagen viel mehr verbrauchen als von den Herstellern angegeben. Die Zahlen veröffentlichte der Verband Transport & Environment (T&E) am 29. August 2018 in Brüssel. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) kritisierte die Studie und betonte, gerade wegen der bekannten Probleme gebe es nun realistischere Tests und Verbrauchsangaben.

Mehrverbrauch seit 2000 ständig gewachsen

Dem T&E-Verband zufolge sei die Kluft zwischen den Verbräuchen unter Idealbedingungen im Labor und dem tatsächlichen Verbrauch auf der Straße seit dem Jahr 2000 drastisch gewachsen: von damals neun Prozent über dem im Katalog angegebenen Verbrauch auf 42 Prozent 2017. Entsprechend groß fielen die Kosten für Autofahrer in Deutschland aus: Für sie beliefen sich die Zusatzkosten seit 2000 demnach auf 36 Milliarden Euro. Auch EU-weit fällt die Bilanz ernüchternd aus: Seit 2000 hätten die geschönten Angaben dazu geführt, dass Fahrer über die Jahre 149,6 Milliarden Euro zu viel für Sprit ausgegeben und ihre Autos 264 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr als gedacht in die Atmosphäre geblasen hätten. Das ist Kern der Studie sowie einer Untersuchung des Umweltverbands NABU.

Neuer Spielraum für die Hersteller? 

T&E warnte auch, die Umstellung von den alten Tests – im Deutschen NEFZ-Testzyklus genannt – auf WLTP werde nicht alle Probleme beheben, sondern neue Schlupflöcher schaffen. Denn beim Übergang würden die WLTP-Ergebnisse nach oben korrigiert. So bekämen die Hersteller Spielraum, auch die für 2025 geplanten Minderungsziele für den CO2-Ausstoß (der direkt mit dem Verbrauch zusammenhängt) leicht zu erreichen.

Autoverbände weisen Kritik zurück

Die Automobilverbände VDA und Acea wiesen die Kritik zurück: "T&E skandalisiert hier bekannte und erklärbare Fakten." Schließlich würde die aufgezeigte Diskrepanz durch den veralteten Testzyklus nun verändert. Der europäische Herstellerverband Acea betonte, der Übergang zu den neuen Testverfahren sei ein großer Schritt hin zu realistischeren Werten.
Die Änderung der Messmethode vom NEFZ-Prüfverfahren (Neuer Europäischer Fahrzyklus) zu WLTP bringt auch steuerliche Änderungen für Autofahrer mit sich. So sehen sie aus:
Bestands-Pkw: 
Für Ihren jetzigen Pkw ändert sich nichts. Die Höhe der Kfz-Steuer bleibt gleich. Allerdings drohen Fahrzeugen mit alten Ab­gasnormen Fahrverbote in Innen­städten. Neuwagen: Ab 1. September 2018 dür­fen nur noch Autos als Neuwagen zugelassen werden, wenn sie die Abgasnorm Euro 6c (oder besser) erfüllen. Gemessen wer­den die Abgase zukünftig nach der realistischeren Verbrauchsmessung WLTP. Für die meisten Neuwagen steigt dadurch die Kfz-Steuer. Neuwagen ab Ende 2019: Ab 1. September 2019 gilt für Neuwagen die noch strengere Norm Euro 6d-Temp. Erst damit können Sie sicher sein, dass Ihr Fahrzeug von möglichen zukünfti­gen Fahrverboten verschont sein wird. Gleiches gilt für die folgende Norm Euro 6d, die für erstmals neu zugelas­sene Fahrzeuge ab 2021 Pflicht wird. Denn bei Euro 6d-Temp und 6d werden die Abgaswerte im Straßenbetrieb ermit­telt. Hersteller-Tricksereien wie auf dem Prüfstand werden so schwieriger, wenn nicht gar unmöglich.

Nissan Juke satte 106 Euro teurer

Beispiele für die neue Kfz-Steure-Berechnung: Für einen Nissan Juke 1.6 Xtronic (Benzinmotor) erhöht sich die jährliche Steuerzahlung um satte 106 Euro, wenn er am 1. September 2018 oder später zugelassen wird. Die gleiche Teuerung droht im Extremfall dem Käufer eines VW Touareg 3.0 TDI (210 kW, Automatik, 4 Motion). Noch sechs Euro unerfreulicher kann es für einen Kunden werden, der sich einen Opel Grandland X 1.2 (96 kW, Automatik) zulegt. Lediglich der Subaru BRZ kostet zehn Euro weniger im Jahr.
Hier folgen weitere Beispiele, wie die Kfz-Steuer nach WLTP-Beurteilung steigt:
In der Praxis hat das neue Prüfverfahren weitere unerwünschte Folgen: riesige Autohalden wegen fehlenden Homologationen, Verwirrung in Fahrzeug-Konfiguratoren und Übergangsfristen für die alte Abgasnorm.
Autoren: Jörg Maltzan, Frank Rosin, Matthias Moetsch