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Mercedes Actros (2019): Test, Marktstart, Motoren, Preis —

Das ist der neue Mercedes Actros

Mercedes macht den Actros fit für das nächste Jahrzehnt. Die dritte Generation ist vollgestopft mit Hightech. AUTO BILD hat alle Infos und die Sitzprobe!

Mächtig steht er da, der neue Actros. Satte 630 PS stark und mit einem maximalen Drehmoment von 3000Newtonmetern, ist er ein echter Fürst der Landstraße. Am Führerhaus des Flaggschiffs der Mercedes-Nutzfahrzeugsparte fallen links und rechts zwei schmale Fortsätze auf, die wie Insektenfühler waagrecht in die Luft ragen. Klassische Außenspiegel sucht man vergebens. Des Rätsels Lösung: Die Vorrichtungen tragen die Kameras, die die Außenspiegel ersetzen. Zwei 15-Zoll-Displays innen an der A-Säule geben das Bild wieder. Wie die Hightech-Rückspiegel funktionieren und alle Neuerungen im Innenraum verrät AUTO BILD in der Sitzprobe!

Kameras sorgen für mehr Sicherheit

Durch diesen Technik-Kniff verbessert sich die Rundumsicht – und damit die Sicherheit. Denn in der Kurve und beim Abbiegen schaffen es die Kameras, den gesamten Lkw (als Sattelzug bis zu 18,75 Meter lang) im Blick zu behalten. Wird es dunkel, wechselt das System in den Nachtsichtmodus, und beim Rangieren helfen Distanzlinien. Damit wird der Abbiege-Assistent, der beim Rechtsabbiegen unter anderem Fußgänger und Radfahrer erkennt, sinnvoll ergänzt. Gönnt sich der Fahrer in der Schlafkabine eine Pause, überwachen die Kameras das Umfeld des Actros und lassen so Langfingern keine Chance. Das Weglassen der typischen Außenspiegel hat zudem noch einen anderen Vorteil: Aufgrund des geringeren Luftwiderstands verringert sich der Kraftstoffverbrauch.

Ausstattung: Neue Systeme erleichtern die Arbeit des Fahrers

Das sogenannte "Predictive Powertrain Control" (PPC) kann jetzt dank neuem präzisen Kartenmaterials und satellitengestützten Ortungssystems auch bei Überlandfahrten eingesetzt werden. Außerdem beherrscht der neue Actros jetzt auch autonomes Fahren des Level 2 – also eingeschränkt automatisch Gas geben, lenken und bremsen – und das über den gesamten Geschwindigkeitsbereich. Allerdings bleibt der Fahrer in der Verantwortung. Das System orientiert sich bei der Spurführung mithilfe einer Kamera an den Fahrbahnmarkierungen auf beiden Straßenseiten. Ermöglicht wird diese Technik durch die vom Pkw bekannte Sensorfusion – vor allem des Radars und der Kamera. Damit wird der Fahrer bei geraden Straßen, leichten Kurven, dichtem Verkehr (Stop-and-go auf der Autobahn) entlastet und die Unfallgefahr deutlich minimiert. Droht eine Kollision, wird selbsttätig eine Vollbremsung initialisiert, auch Menschen werden laut Mercedes erkannt.

Connectivity: Display ersetzt die analogen Anzeigen

Die neuen elektronischen Fahrassistenz-Systeme des Actros rücken den schweren Lkw näher an den Pkw. Deswegen ist es konsequent, dass sich auch der Innenraum anpasst. Zwei Monitore – zehn und zwölf Zoll groß – informieren den Fahrer über alles Wesentliche. Per Apple CarPlay oder Android Auto können Smartphones eingebunden werden. Und das Truck Data Center verbindet den Lkw permanent mit der Cloud und ist Basis für alle Konnektivitätslösungen, die die logistischen Abläufe effizienter gestalten sollen. Zudem wird der Fahrer des Actros durch spezielle Apps unterstützt. Mehr als 60 Innovationen, die im Actros verbaut sind, sollen dem Fahrer das Leben leichter machen.

Innenraum (Update!): MBUX zieht in den Lkw ein

Mercedes Trucks ist die erste Marke, die in einem Lkw die Rückspiegel durch Kameras ersetzt. Die aufgenommenen Live-Bilder werden auf Displays mit hoher Auflösung abgebildet, die auf beiden Seiten an den A-Säulen angebracht sind. Damit liegen sie weiterhin im von konventionellen Rückspiegeln gewohntem Blickfeld des Fahrers. Die Bildschirme sind zweigeteilt. Der untere Bereich bildet eine zusätzliche Weitwinkelperspektive ab, die beim Einscheren hilft und vom Fahrer manuell auf die Länge des Fahrzeugs angepasst werden kann. Außerdem schwenkt die Kamera beim Rangieren mit. So hat der Fahrer beim Rückwärtsfahren immer das Ende des Aufliegers im Blick.
Insgesamt hat Mercedes den Actros innen in Richtung Pkw getrimmt. Dazu passt auch das grundlegend aus der A-Klasse bekannte Bedienkonzept MBUX. Wie im Pkw wird auch im Lastwagen komplett auf analoge Anzeigen verzichtet. Hinter dem Lenkrad sitzt jetzt ein zwölf Zoll großes Display, das frei konfigurierbar ist und die wichtigsten Fahrzeuginfos anzeigt. Das zweite Display, das auf der Mittelkonsole angebracht ist und zehn Zoll misst, kann vom Fahrer auf seine Bedürfnisse angepasst werden. Darunter befinden sich Direktwahltasten, mit denen man sofort auf Funktionen wie das Navigationssystem oder den ECO-Support zugreifen kann. Mit dem Modellwechsel kann der Fahrer jetzt auch sein Smartphone mit dem Actros verbinden und über das Infotainmentsystem direkt auf dessen Inhalte zugreifen.
Der bequeme Fahrersitz verfügt über eine Höhenverstellung der Armlehne, die mit einem Drehmechanismus angepasst wird. Die Sitzfläche ist mit Alcantara bezogen, während die Sitzwangen dunklen Stoff tragen. Der Beifahrersitz ist komplett mit letzterem Material bezogen und nach hinten versetzt platziert. Das vierspeichige Lenkrad wurde etwas moderner gestaltet und liegt gut in der Hand. Links und rechts neben der Lenkradnabe liegen Touchfelder und kleine Tasten, die der Bedienung der beiden Bildschirme dienen. Hinterm Lenkrad ist der Wählhebel des Automatikgetriebes angebracht. Komplett neu ist die elektrische Feststellbremse, die über eine Wippe in Aluoptik auf der Mittelkonsole bedient wird. Die Grundform des Armaturenbretts ähnelt dem Vorgänger und auch die Materialauswahl wirkt ähnlich. Auf den ersten Blick irritierend wirkt das Carbondekor auf der Mittelkonsole, das man so normalerweise nur aus sportlichen Autos kennt. Auf jeden Fall hat Mercedes nicht an Ablagen und Staufächern gespart. Zum Beispiel auf der Mittelkonsole hinter dem Fahrersitz und in den großen Stauräumen über der Frontscheibe kann der Fahrer sein Hab und Gut transportieren. Schubladen im unteren Bereich der Mittelkonsole, Getränkehalter und eine 24-Volt-Steckdose sind ebenfalls sehr praktisch.  

Motoren und Preise: Elektro-Actros ist in der Entwicklung 

Neben den bis zu 630 PS starken Dieselmotoren bietet Mercedes auch eine Erdgas-Variante mit 222 kW/302 PS an, die bis zu ein Viertel weniger CO2 ausstoßen soll. Wird Biogas verwendet, sollen sich die Emissionen noch mehr verringern und sogar einen annähernd CO2-neutralen Einsatz ermöglichen. Eine Hybridversion ist allerdings noch in weiter Ferne. "Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht", erklärt Buchner knapp. Die verbesserte Aerodynamik des neuen Actros sorgt in Verbindung mit einer veränderten Hinterachsübersetzung und Software-Updates für Getriebe und Tempomat für einen deutlich niedrigeren Verbrauch. Im Vergleich zu seinem Vorgänger soll da neue Modell auf Autobahnen drei Prozent, im Überlandverkehr fünf Prozent weniger Sprit schlucken. Geht man von einer Laufleistung von 150.000 Kilometern im Jahr aus, werden laut Mercedes rund 1350 Liter Diesel weniger benötigt. Der neue Actros soll im Frühjahr 2019 auf den Markt kommen. Preise hat Mercedes noch nicht bekannt gegeben.
Autoren: Elias Holdenried, Wolfgang Gomoll