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Le Mans: Revolutionäre Fahrerin —

Diese Rennfahrerin war mal ein Mann

Charlie Martin hat ehrgeizige Ziele: Sechs Jahre nach einer geschlechtsverändernden Operation will sie die erste Transgender-Rennfahrerin in Le Mans werden.

Man könnte meinen: Bei 3349 Fahrern, davon 57 Frauen, die jemals bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start gegangen sind, waren schon allerhand exotische Geschichten dabei. Aber Charlie Martin will nun ein ganz neues, revolutionäres Kapitel aufschlagen: Sie will erste Transgender-Rennfahrerin an der Sarthe werden!
„Le Mans ist einfach das größte Rennen der Welt“, sagt die Britin. Doch es ist nicht nur ihr persönlicher Traum. Sie will damit für die LGBT-Bewegung werben, also für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle. Martin: „Im Motorsport gibt es keine Repräsentation von LGBT. Ich will Leuten helfen, sich frei zu fühlen, sie selbst zu sein und ihr Leben ohne Angst oder Befürchtungen zu leben – auch in kleinen Gruppen wie dem Motorsport.“
Seit sie sieben Jahre alt ist, weiß Charlie Martin, dass sie sich als Frau im Körper eines Mannes gefangen fühlt. Mit 29, also vor sechs Jahren, ließ sie sich operieren. „Als ich diesen Schritt ging, habe ich akzeptiert, dass ich mit dem Motorsport nicht mehr weitermachen konnte, denn ich dachte nicht, dass es dafür Unterstützung gibt. Ich dachte die Leute würden mich ausgrenzen, über mich lachen“, erinnert sie sich. „Nur durch die Unterstützung meiner Familie und Freunde habe ich mich dazu entschieden weiterzumachen. Als ich das erste Mal durchs Fahrerlager ging, war das ein beängstigendes Gefühl, aber es kamen gleich vier, fünf Leute, die mir ein herzliches Gefühl gegeben haben, willkommen zu sein.“
Bisher fährt sie noch in relativ unbekannten Rennserien. Mit Formel-Renault-Rennern, aber auch mit Norma-Prototypen wurde sie bei Bergrennen groß. 2016 erreichte sie beim Berg-Europameisterschaftslauf in Deutschland den dritten Platz ihrer Klasse. 2018 ist ihre erste Saison im Rundstreckensport. Sie fährt in der Prototype Motorsport GT5 Challenge. Und in der historischen Serie Hawthorn-Trophy steuert sie einen Connaught-Lea-Francis A-Type, der in den 50er Jahren auch in der Formel 1 zum Einsatz kam. Teamchef damals: Bernie Ecclestone.
Charlie Martin arbeitet hart an ihrem Traum, nicht nur in Le Mans, sondern auch beim berühmtesten aller Bergrennen starten zu können, dem Pikes-Peak-Hillclimb. Im Sommer testete sie einen LMP3-Rennwagen von Ligier, um sich an Sportwagen-Prototypen zu gewöhnen. Ihre Operation ist eine Triebfeder: „Sie hat große Auswirkungen auf meine Fahrweise“, erzählt Martin. „Jetzt schaue ich in den Spiegel und sehe die Person, die ich sein will. Das gibt mir Kraft auf der Rennstrecke. Mich umoperieren zu lassen, war das Beängstigendste, was ich gemacht habe. Aber das durchzuziehen, das durchzumachen, und weiterhin meine Freunde und den Sport zu haben, den ich liebe, gibt mir das Gefühl, alles zu schaffen.“
Nicht nur als Transsexuelle offen zu sich zu stehen, gibt ihr Kraft. Ihr anderes Erfolgsrezept: „Ich habe einen Ratschlag von der Bergsteigerin Squash Falconer bekommen, die sagte: ‚Wenn du eine bequeme Unterwäsche anhast, dann wird alles andere gut.‘ Das ist also jetzt immer eine Priorität an Rennwochenenden!“
Autor: Michael Zeitler