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Hyundai Nexo im Alltagstest (2020): Wasserstoff, Praxis, SUV, Fuell-Cell —

So schlägt sich der Wasserstoff-Hyundai

Wie fährt es sich eigentlich im Alltag mit einem Wasserstoffauto? Rund zwei Wochen hat AUTO BILD den Hyundai Nexo getestet.

Der Hyundai Nexo gehört zweifelsohne zu den Exoten auf deutschen Straßen. Circa 200 Stück sind in Deutschland gerade einmal zugelassen. Dabei macht ihn alleine sein durchgezogenes Leuchtenband an der Front zum echten Hingucker. Das konnten die AUTO BILD-Redakteure während ihres zweiwöchigen Praxistests in Hamburg am eigenen Leib erfahren. Wie praktikabel ist ein Wasserstoffauto im Alltag? AUTO BILD hat es für Sie getestet und die Erfahrungen zusammengefasst.

Außenwirkung: Alle Blicke auf den Nexo

Erstaunlich, obwohl der Nexo eigentlich nicht mehr zu den neuesten Fahrzeugen auf deutschen Straßen zählt, zieht das mit Wasserstoff betriebene SUV die Blicke der Passanten stets auf sich. Die Optik ist noch immer modern und polarisiert. Vor allem, wenn Hyundai dem Auto die Farbe "Copper Metallic" (Bild oben) verpasst. Die Redaktion taufte den Farbton übrigens liebevoll "Leberwurst". Auch die elektrisch einfahrenden Türgriffe tragen nicht wirklich dazu bei, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Wer unter dem Radar durch die Stadt gleiten möchte, sollte also keinesfalls zum Nexo greifen.

Antrieb: E-Auto mit eigenem Kraftwerk

Anders als bei einem per Batterie betriebenem Elektroauto produziert man mit einem Wasserstofffahrzeug den Fahrstrom selbst. Die Insassen sitzen also auf ihrem eigenen Kraftwerk: Der in den drei Hochdrucktanks gasförmig gespeicherte Wasserstoff wird in eine Brennstoffzelle geleitet. Die Zelle besteht aus zwei Bereichen, die durch einen Seperator voneinander getrennt sind. An der Anode teilt sich der Wasserstoff, vereinfacht gesagt, in Wasserstoff-Ionen und Elektronen auf. Die Ionen wandern durch den Seperator auf die Seite der Kathode, wo sie sich mit dem Sauerstoff zu Wasser verbinden. Die Elektronen möchten ebenfalls auf die andere Seite zur Kathode, können aber nicht durch den Seperator. Daher müssen sie den Umweg über die Stromleitung zum E-Motor nehmen. Auf der anderen Seite angekommen, ist der Stromkreis dann geschlossen.
Um bei schnellen Beschleunigungsvorgängen die Stromspitzen abfedern zu können, ist im Nexo ein kleiner Akku verbaut, der vorwiegend über die Rekuperation beim Bremsen gespeist wird. Leider ist der Wirkungsgrad des Brennstoffzellen-Antriebs im Vergleich zu batterieelektrischen Fahrzeugen geringer. Wird der Wasserstoff aber durch Strom erzeugt, der über Nacht durch Windkraft regenerativ gewonnen wurde, spielt der Unterschied keine so große Rolle mehr.

Fahren: Entspannt gleiten im Nexo

Schon nach den ersten Metern wird im Nexo eines klar: Mit dem Hyundai möchte man entspannt gleiten. Der Nexo ist akustisch äußerst gut gedämmt. Weder Abrollgeräusche noch der Fahrtwind dringen übermäßig in die Kabine. Passend dazu ist das Fahrwerk angenehm komfortabel abgestimmt. Die Lenkung des knapp 4,70 Meter langen und rund 1,90 Meter breiten SUVs wirkt etwas entkoppelt, ohne dabei besonders schwammig zu werden. Alles ist auf Bequemlichkeit ausgelegt.
Der 120 kW (163 PS) starke Motor beschleunigt das 1,9-Tonnen-SUV in 9,5 Sekunden auf Landstraßentempo, Zwischensprints liegen dem Nexo deutlich mehr. Vor allem im "Normal"-Fahrmodus ist das Drehmoment von 395 Nm im Bereich zwischen 40 und 60 km/h am deutlichsten zu spüren. Die Motorsteuerung ist dabei sehr fein abgestimmt. Egal, wie sehr der Fahrer aufs Gaspedal tritt, dem Nexo gehen die Reifen nicht durch. Auch Autobahnpassagen sind mit dem Wasserstoff-Hyundai kein Problem. Am wohlsten fühlt sich der Nexo aber bei Richtgeschwindigkeit. Wer mit dem Wasserstoff-Hyundai durch die Stadt manövriert, wird den Abbiegeassistenten lieben. Das Kamerabild im Digitalcockpit irritiert anfangs etwas, wird aber nach kurzer Eingewöhnung zum nützlichen Feature.

Langstrecke und Reichweite: Keine Angst vor dem Liegenbleiben

Vielen wird bei dem Gedanken, mit einem Elektroauto weite Strecke zu fahren, Angst und Bange. Zu schnell schrumpft oft die Anfangs angezeigte Reichweite auf Autobahnpassagen, und das Laden dauert vielen unterwegs oft noch zu lange. Der Wasserstoff-Hyundai hingegen kommt offiziell mit einer Tankfüllung nach WLTP 666 Kilometer weit. Und innerhalb von fünf Minuten lässt sich der Tank an einer der bis Ende 2020 100 Wasserstoff-Tankstellen wieder auffüllen. Soweit die Theorie: In der Praxis war es uns nicht möglich, den Hyundai vollzutanken. Bei circa 85 Prozent war Schluss (531 km Reichweite). Ärgerlich! Ob das jetzt am Nexo oder an der Zapfsäule lag, ließ sich aber nicht feststellen.

Tanken: Ähnlich wie mit Erdgas

Als die Hersteller noch mit flüssigem Wasserstoff experimentierten, war vor allem das Tanken ein Problem. Das flüssige Gas musste mit unter -250 Grad Celsius in die Tanks gebracht werden. Das war gefährlich und sehr aufwendig. Mittlerweile setzt man auf die gasförmige Speicherung des Kraftstoffs. In drei Drucktanks lagern insgesamt bis zu 6,33 Kilogramm Wasserstoff, die mit 700 Bar in die Tanks gepresst werden. Um dem Druck standzuhalten, besitzen die Tanks eine Wandstärke von 4,5 Zentimetern (!).
 
Die Zapfsäule ähnelt der einer Erdgastankstelle. Nachdem man den Rüssel auf den Stutzen am Auto gesteckt und verriegelt hat, wird für einen Druckausgleich gesorgt, anschließend werden die Tanks befüllt. Ist die Vorgang beendet, hört der zuvor gedrückte Startknopf auf zu leuchten. Einzig das Zischen und das Geräusch des einströmenden Gases in die Tanks ist anfangs gewöhnungsbedürftig.

Platzangebot: Tanks stören im Innenraum nicht

Die Wasserstofftanks des Hyundais sind im Unterboden und unter der Rückbank verbaut und nehmen den Insassen keinen Platz weg. Das Glasschiebedach unterstreicht den luftigen Gesamteindruck zusätzlich. Das Kofferraumvolumen liegt im Normalfall bei 461 Litern, bei umgelegter Rückbank sind es 1466 Liter.

Fazit: Das Kraftwerk auf Rädern überzeugt

Auffällig, anders und trotzdem vertraut: Der Nexo polarisiert in der Öffentlichkeit, überfordert seinen Fahrer aber zu keinem Zeitpunkt in Sachen Handhabung. Wer bereits ein Elektroauto gefahren ist, wird mit dem Hyundai auf Anhieb klarkommen. Das Tanken ist einfacher als gedacht. Wer lokal emissionsfrei unterwegs und in Sachen Reichweite maximal flexibel sein möchte, kann bedenkenlos zum Nexo greifen. Größte Hürde dürfte aber der Preis sein. Hyundai verlangt für das Wasserstoff-SUV satte 79.000 Euro in der Basis.  
Autor: Andreas Huber
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