Schließen

GT4-Vergleich: Audi, Mercedes und BMW —

Kleine Klasse ganz groß

Die „kleine“ GT4-Klasse kommt 2018 groß raus: Die neuen Boliden von Audi, BMW und Mercedes bereichern das Feld

Die GT4-Klasse erobert den Nürburgring! Die neuen Boliden von Audi, BMW und Mercedes bereichern ab 2018 das Starterfeld. Ein Dutzend Fahrzeuge starten in der Klasse SP10 (GT4-Homologation). Diese verspricht seriennahen Motorsport, basierend auf den Traum-Modellen der Favoriten – aber ohne teure Technik und versteckte Kosten. 
Die Unterschiede zu den großen GT3-Rennern liegen daher auf der Hand: Karosserieverbreitungen oder aerodynamische Hilfsmittel sind weitgehend verboten, Heckflügel und Diffusor fallen deutlich kleiner aus. Gleiches gilt für die Technik unter der Haube. Alles, was nicht im Serienauto zu finden ist, benötigt eine Sondergenehmigung. Lediglich Bremsanlage und Dämpfersysteme dürfen frei getauscht werden.
Billige Kopien sind die GT4 trotzdem nicht. Das Lenkrad des Mercedes-AMG GT4 ähnelt dem Volant aus dem großen GT3-Renner, ebenso wie Rennsitz und Mittelkonsole. Das Cockpit ist eng, die Sitzposition tief. Der Vierliter-V8-Biturbo mit seinen 510 PS (das Basismodell hat bis zu 585 PS) erwacht per Knopfdruck am Lenkrad zum Leben. Am Steuer finden sich 13 Knöpfe, unter anderem für Funk, Pit-Limiter oder das Dashboard.
Der Mercedes überzeugt vor allem mit seiner Schaltbox. Denn während die Konkurrenz von Audi und BMW auf ein serienmäßiges Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Gängen vertraut, verfügt der Stuttgarter über ein sequenzielles Sechsgang-Getriebe. Für das Anfahren ist daher eine Fußkupplung erforderlich, die sich jedoch einfach bedienen lässt. Mit einem lauten Knallen wechselt der AMG schnell die Gänge, im Cockpit kommt echtes Rennfeeling auf. Im Vergleich dazu erfolgt der Gangwechsel bei Audi und BMW fast schon langweilig und zögerlich. Darüber hinaus vertraut der Mercedes dem Transaxle-Prinzip: Der Motor sitzt vorn, das Getriebe an der angetriebenen Hinterachse. Auf diese Weise kommt eine nahezu ausgeglichene Gewichtsverteilung von 49 zu 51 Prozent zustande. Die reduziert den Reifenverschleiß und sorgt für eine bessere Fahrdynamik.
Der Mercedes lenkt sauber ein, lässt sich ohne großes Zicken um die Kurven zirkeln. Die zwölfstufige Traktionskontrolle sorgt dafür, dass der Rennwagen sauber herausbeschleunigt. Leichte Quersteher lassen sich trotzdem gut kontrollieren, der GT4-Mercedes ist gutmütig im Grenzbereich. Vor den Kurven tut die Rennbremsanlage ihren Dienst, verzögert das Auto innerhalb weniger Meter. LED-Anzeigen machen deutlich, wenn Traktionskontrolle oder ABS aktiv sind.
Zurück an die Box, Wechsel in den BMW M4 GT4. Im Vergleich zur Konkurrenz wirkt das Lenkrad wuchtig und massiv. Der BMW hat, wie alle anderen Autos im Test auch, eine Klimaanlage. Vor allem bei Langstreckenrennen wie auf dem Ring ist das ein Vorteil.
Überhaupt wird Seriennähe beim BMW großgeschrieben: Der 3,0-Liter-Biturbo-Reihensechszylinder leistet bis zu 431 PS, hinzu kommt das Doppelkupplungsgetriebe – alles aus dem Serienauto, das bis zu 500 PS auf die Straße bringt. Bei den Bremsen vertraut der GT4-Rennwagen auf die Technik des GT3-Bruders. Für die Verzögerung sorgt eine Rennbremsanlage von AP Racing. Und die muss schwer arbeiten: Der BMW wiegt über 100 kg mehr als der GT4-Mercedes.
Schon in der ersten Kurve zuckt das Heck. Die kalten Reifen machen sich bemerkbar. Dazu hat der BMW wohl die ungünstigste Gewichtsverteilung. Denn Motor und Getriebe sind vorn verbaut, das leichte Heck tänzelt durch die Kurven. Aber: Mit jeder Runde werden die Pneus wärmer. Das Vertrauen wächst.
In der Box läuft der Audi R8 LMS GT4 schon warm. Optisch sieht der Ingolstädter unspektakulär aus, doch der 5,2-l-V10-Motor brüllt zur Wiedergutmachung auf. Kurios: Der GT4-Bolide hat mit seinen bis zu 495 PS mehr als einhundert PS weniger als das Serienauto (bis zu 610 PS). Der gummierte Stummel-Lenker liegt gut in der Hand, per Schaltwippe springt der erste Gang ein. 
Der GT4-Audi bietet den größten Wohlfühlfaktor, gibt direkt Vertrauen. Das Doppelkupplungsgetriebe schaltet etwas zögerlich. Beschleunigung, Lenken, Bremsen. Der R8 GT4 läuft rundum sauber und neutral. Dank Heckmotor beschleunigt er gut aus den Kurven heraus, ohne großes Übersteuern. Dabei hat die Traktionskontrolle nur drei Stufen: Rennmodus, Qualifyingmodus – oder Aus. Mehr braucht es auch nicht. 
Die Boliden sind ähnlich leicht zu fahren wie ein GT3-Auto und daher auch für Amateure und Einsteiger gut geeignet. Trotzdem: Die Unterschiede zu den GT3-Boliden sind offensichtlich. Die fehlende Aerodynamik macht sich vor allen in den Kurvengeschwindigkeiten bemerkbar. Hinzu kommt das Defizit an Leistung, ein GT3-Renner hat rund einhundert PS mehr. Auf der Nordschleife bedeutet dies einen Zeitunterschied von rund 30 Sekunden. Im Kampf um den Gesamtsieg werden die GT4-Autos daher nicht mitmischen können. Aber sie werden für spannenden Motorsport sorgen.
Autor: Sönke Brederlow