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Formel 1: Willy Mairesse —

Der Fahrer, vor dem alle Angst hatten

Willy Mairesse ist als Kamikaze-Willy in die Formel-1-Geschichte eingegangen. Bei nur zwölf Rennen war er in zwei tödliche Unfälle verwickelt.

Der Belgien-GP ist einer der traditionsreichsten Grand Prix. Und aus dem kleinen Land kamen immerhin schon 20 Fahrer in die Formel 1. Jacky Ickx ist mit acht Siegen der erfolgreichste, Thierry Boutsen mit 163 WM-Rennen der fleißigste, aber Willy Mairesse war der gefährlichste.
Peter Revson, einer seiner Gegner damals, beschreibt: „Wenn du ihm vor dem Rennen ins Gesicht geblickt hast, dann hatten seine Augen plötzlich eine ganz andere Farbe. Seine Brauen waren hochgezogen, sein Gesicht bekam Falten. Es war, als wenn du dem Teufel ins Gesicht schauen würdest.“
Willy Mairesse ist ein begnadeter Rennfahrer, der die verschiedensten Disziplinen beherrscht: Rallyes, wo er 1953 bei der Rallye Lüttich-Rom-Lüttich sein Rennsportdebüt gibt. Sportwagen, wo er 1962 und 1966 die Targa Florio gewinnt und 1965 einen Klassensieg bei den 24 Stunden von Le Mans erzielt. Und: Formel-Rennwagen.
Aber der Belgier war vor allem ein halsbrecherischer Rennfahrer. Schon beim Formel-1-Debüt 1960 in Belgien ist er an einem tödlichen Unfall beteiligt. Chris Bristow verliert im Zweikampf mit Mairesse die Kontrolle über seinen Cooper-Climax und rast in den Tod. Beim Deutschland-GP 1963 kracht Mairesse mit seinem Ferrari in eine Unfallstelle. Lorenzo Bandini und Innes Ireland sind zuvor zusammengekracht, Sanitäter sind auf der Piste. Einer von ihnen, der Deutsche Günther Schneider, wird von einem Rad erschlagen, das von Mairesses Ferrari abgerissen wird.
Fast alle seiner zwölf WM-Rennen bestreitet Mairesse für Ferrari, ein paar wenige für Lotus. Enzo Ferrari hat einen Hang zu tollkühnen Rennfahrern. So schreibt er in seiner Biografie über Mairesse: „Er ist ein äußerst komischer Typ. Er hat zwar einen unverzagten Willen, aber sein Mut ist schwer zu berechnen. Dieser ist die Triebfeder seines Handelns, stets von feurigem Eifer genährt.“
Mairesse schlägt sich im Auto die Vorderzähne aus, verbrüht sich an mehreren Körperstellen, bricht sich diverse Knochen. Aber als Testfahrer ist er gefragt – weil er nicht nur Mensch, sondern auch Material bis ans Extremste ausreizt.
Ein letzter Unfall bringt ihn zwei Wochen ins Koma. Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1968 lockert sich die Fahrertür an seinem Ford GT. Er will sie schließen, verliert dabei aber die Kontrolle über seinen Wagen. Er überlebt, kann aber nie wieder Rennen fahren. Viele seiner Kollegen haben geglaubt, Mairesse würde sich beim Rennfahren eines Tages selbst umbringen. Aber erst die Tatsache, dass er nicht mehr fahren kann, stürzt ihn zunächst in tiefe Depressionen, dann in den Tod. Am 2. September 1969 gelingt der dritte Suizid-Versuch des 41-Jährigen mit einer Überdosis Schlaftabletten.
Autor: Michael Zeitler