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Formel 1: Kimi Räikkönen exklusiv —

"Mit Vettel gibt es keinen Bullshit"

Kimi Räikkönen spricht im Exklusivinterview mit AUTO BILD MOTORSPORT über seine neue Gelassenheit, die Rolle bei Ferrari und Sebastian Vettel.

Herr Räikkönen, wie ist Ihre Stimmung gerade?
Räikkönen (lacht): Das hängt ganz davon ab, ob Ihr mir jetzt den Nerv tötet oder nicht.
Wissen Sie, dass es für viele Journalisten eine richtige Mutprobe ist, mit Ihnen zu reden? Sie stehen ganz oben auf der Liste, wenn es um Nervensausen und Druck bei den Kollegen geht. Natürlich nur bei den Kollegen...
... Räikkönen lacht wieder und zuckt nur mit den Schultern.
Aber ganz so verschlossen sind Sie ja nicht mehr. Sebastian Vettel hat es schon bedauert, Sie als Verbündeten unter den Sozial-Medien-Verweigerern verloren zu haben. Auch wir wären bis vor zwei Jahren jede Wette eingegangen, dass Sie niemals auf Instagram sind. Was oder wer steckt hinter unserer Fehleinschätzung?
Es war allein meine Entscheidung, das will ich hier mal betonen (lacht). Aber etwas hat sich schon verändert in meinem Leben...
Sie sind jetzt ein glücklicher Familienvater! Sie wirken viel entspannter, seit Sie zwei Kinder haben.
Kann sein. Weiß ich nicht. Mein Leben ist dadurch anstrengender geworden, aber auch glücklicher. Aber ich war schon immer ein völlig anderer Typ als Privatmann. Wahrscheinlich stellen sich die Leute immer vor, ich würde ein völlig verrücktes Leben führen. Dem ist aber nicht so. Nur mein Job ist eben etwas anders. Deshalb muss ich auch Interviews geben und lande in Zeitungen. Auch wenn ich das gar nicht mag.
Wie haben Ihre Kinder Ihr Leben verändert? Sie tragen das Bild Ihres Sohnes ja auch voller Stolz als Tattoo auf Ihrem Arm.
Heute eine Menge. Das hat sich aber nach und nach so ergeben. Ich war ein wenig durch meinen Bruder gebrieft, der ja schon vor mir Vater wurde. Aber ganz ehrlich, wenn du dann das erste Mal hörst, dass Du jetzt Vater wirst, hast du keine Ahnung, wie sich dein Leben verändern wird. Robin stellt viele Fragen, die du erst mal beantworten musst. Mir gefällt das, wie unschuldig kleine Kinder sind, wie frei im Kopf. Gleichzeitig ist Robin mein neuer bester Freund. Es stimmt schon: Vor zehn Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Aber das Leben fängt mit Kindern erst richtig an. Es hat eine größere Bedeutung.
Damals galten Sie als Iceman, den noch nicht mal im Auto etwas aufregen kann, und der für seinen - sagen wir mal - lockeren Lebensstil bekannt war. Und jetzt?
... machte es mir Angst, als ich meinen Sohn erstmals in den Händen hielt (hält beide Hände in die Höhe und starrt verängstig auf das imaginäre Baby in seinem Arm). Und ich war angespannt, als ich ihn in der Klinik abholte. Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte, als er das erste Mal schrie. Beim zweiten Baby hat man da schon Routine.
Wurde die Formel 1 durch Ihre Kinder weniger wichtig?
Nein, denn die Formel 1 war nie mein Leben. Ich kann das trennen. Extrem sogar. Mein Privatleben ist völlig anders als mein Leben an der Rennstrecke. Ich liebe Racing, den Rest nicht. Deshalb werde ich auch keine Probleme damit haben, wenn ich irgendwann mal aufhören muss. Das ist ja auch kein Geheimnis. Meine Kumpels merkten schon früh: "Stellt keine Fragen über meinen Job. Ihr bekommt keine ernsthaften Antworten." Ich mag es nicht im Privatleben überflüssig viel über den Job zu reden.
Gilt das auch für Ihren Sohn?
Räikkönen lacht: Nein, nicht ganz. Er ist jetzt in einem Alter, wo er schon mitbekommt, was ich mache. Zum Beispiel, dass mein Auto rot ist. Er fragt dementsprechend nach und er ist der einzige, der Antworten bekommt.
Werden Sie Ihren Kids auch sagen, dass es nicht normal ist, auf Rosen gebettet aufzuwachsen. Sie selbst wuchsen in sehr einfachen Verhältnissen auf.
Natürlich werde ich das. Meine Kindheit war ganz anders. Sie sollen wissen, dass es nicht normal ist im Luxus groß zu werden. Und das das Leben kein Wunschkonzert ist, sondern eher ein Hindernislauf.
Was ist die Muttersprache von Robin?
Robin wächst mit finnisch und englisch auf. Zum Glück lernt er das spielerisch. Ich musste mir richtig einen abarbeiten, weil ich ja schon 20 war. Er hat eine englische Nanny und geht in einen englischsprachigen Kindergarten.
Wird Robin mal Rennfahrer?
Ich weiß nicht, was Robin machen will. Er interessiert sich auf jeden Fall für Autos und Motorräder. So wie sein Vater (lacht). Wenn ich nicht Rennfahrer geworden wäre, hätte ich auf jeden Fall etwas mit Autos gemacht. Auch wenn damals alles noch ganz anders war. Mein erstes Auto war ein Lada. Heute fahre ich Ferrari. Was lustig ist: Im Auto will Robin nie nach hinten gehen, sondern immer vorne sitzen. Fest steht aber: Er kann machen, was er will. Ich zwinge ihn zu nichts.
Kommen wir zum für Sie langweiligen Teil des Interviews. Zum Job: Macht es sie zufrieden, wenn Sebastian Vettel Sie immer wieder lobt und offen sagt, er möchte Sie gerne als Teamkollegen behalten?
Das ist sicherlich nett zu hören. Auf jeden Fall besser, als würde er sagen, dass ich ein Idiot bin. Das sagt er zwar auch manchmal, aber eher selten (lacht). Im Ernst: Wir haben uns schon immer gut verstanden. Mit ihm gibt es keine Politik oder anderen Bullshit, sondern eine ganz normale Männerfreundschaft. Und natürlich würde ich gerne bleiben, aber das ist allein Ferraris Entscheidung. Ich warte genauso drauf wie Ihr auch.
Wie geht so eine Männerfreundschaft in einem hochpolitischen Sport wie der Formel 1?
Er ist sehr geradeaus, und hat sich auch durch seinen Erfolg nicht verändert. Selbst wenn wir uns mal in die Kiste fahren, ist das nach einem Gespräch kein Thema mehr. Auch nach unserem Crash in Singapur letztes Jahr gab es weder Diskussionen noch Schweigen. Er ist ein Typ, der sagen kann, dass es sein Fehler war und ich bin genauso. Das hilft. Und es ist viel besser in dieser netten Atmosphäre zu arbeiten. Das macht auch das Auto schneller, als wenn wir uns bekriegen würden. Wir haben beide dasselbe Ziel: Ferrari zum Weltmeister zu machen. Und ich würde sagen, wir ergänzen uns gut in unserer Art das Team anzutreiben sehr gut.
Sie sind mit Ferrari schon Weltmeister geworden. Haben Sie Sebastian schon mal gesagt, wie besonders es ist, mit dem roten Auto den Titel einzufahren?
(Räikkönen lacht schon wieder. Eigentlich grinst er die ganze Zeit.) Keine Ahnung. Das müssen Sie ihn fragen. Der Titel ist immer etwas Besonderes. Er hat ihn schon viermal mit anderen gewonnen, ich nur mit Ferrari. Aber wenn ich ein Team zur Auswahl habe, dann gewinne ich lieber in Rot. Fragt Sebastian, wenn er es geschafft hat. Wahrscheinlich ist es speziell. Und ich würde es ihm gönnen.
In Spielberg kamen Sie noch vor ihm ins Ziel, in Hockenheim entschuldigten Sie sich, als Sie Sebastian aufgehalten hatten. Werden Sie ihm im Kampf um den Titel gegen Hamilton helfen?
Ab einem bestimmten Punkt der WM hat das Team Vorrang. Das ist mir dann schon klar. Ich bin ja nicht erst seit gestern dabei. Für mich ist das so normal, wie wenn Ihr ein Interview führt.
Normalerweise vielleicht schon, aber nicht mit Kimi Räikkönen...
Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff