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Formel 1: Chase Carey exklusiv —

„Vettel vs. Hamilton ist episch“

F1-Boss Chase Carey spricht im Exklusivinterview mit ABMS über den WM-Kampf 2018, die Fortschritte der Formel 1 und Mick Schumacher.

Herr Carey, zwölf von 21 Rennen sind vorbei. Wir bewerten Sie die erste Halbzeit der Formel-1-Saison 2018?
Chase Carey: Ich bin sehr zufrieden. Wir hatten interessante Rennen, der Kampf um den Titel ist so ergreifend wie lange nicht. Drei Teams haben um Siege gekämpft, vier Fahrer haben gewonnen. Wenn’s nach mir geht, könnten das zwar noch mehr sein. Aber da arbeiten wir dran. Das Ping-Pong-Spiel, also das Hin-und-her zwischen Hamilton und Vettel gefällt mir jedenfalls.
Den Fans offenbar auch.
Genau. Auch vom Business-Standpunkt aus gesehen läuft’s. Wir hatten zuletzt viele ausverkaufte Rennen, die TV-Quoten steigen. Unter anderem ja auch bei Euch in Deutschland. Da musste in Hockenheim sogar eine Zusatztribüne aufgebaut werden. Und es war schön, wie viele Leute in Deutschland zu mir gekommen sind und von der aufregenden Saison geschwärmt haben. Das Feeling für die Formel 1 ist zurück. Die Energie, die sie verloren hatte, ist wieder da.
Auch dank holländischer Fans, die die Rennstrecken zu Party-Meilen machen. Müssten alle Fahrer so polarisieren wie Max Verstappen?
Nein. Es gibt keine Formel, um Helden zu backen. Klar ist: Wir brauchen Helden. Wir haben tolle Marken, aber Menschen fiebern mit Menschen mit, nicht mit Autos oder Teams. Klar ist aber auch: Die werden aber auf der Rennstrecke geboren, wenn sie in den schnellsten Rennautos der Welt auf der Rasierklinge reiten. Max ist so einer. Wenn er fährt, steht er einfach total unter Strom. So etwas wollen die Leute sehen.
Wollen Sie auch deshalb mehr Stadtrennen, damit die Fans noch näher an ihre Idole rankommen?
Der Mix ist wichtig - aus traditionellen Strecken, aus Kursen in Parks wie in Montreal oder Melbourne und aus Stadtrennen. Aber keine Sorge, wir wissen genau, dass Rennstrecken wie Spa, Silverstone oder Monza enorm wichtig sind, um das Erbe des Sports zu wahren.
Trotzdem steht der Deutschland GP und eine Strecke wie Hockenheim auf der Kippe.
Aber wir kämpfen drum. Hockenheim ist eine wichtige Strecke, Deutschland als Automobilnation mit einer großen Fanbasis ein wichtiges Land für uns. Die Kulisse im Motodrom war beeindruckend. Und ja, natürlich wollen wir, dass die Formel 1 auch bei Euch noch weiter wächst. Aber wir brauchen Partner, die sich für ein Rennen engagieren und es unterstützen. Daran arbeiten wir.
Ausgerechnet in Hockenheim hat Sebastian Vettel seinen Ferrari in Führung liegend im Kiesbett versenkt. Was haben Sie da gedacht?
Vettel hat da so ziemlich das Schlimmste erlebt, was einem Fahrer passieren kann. Aus unserer Sicht trägt so etwas natürlich zum Drama bei. Helden müssen auch schwere Niederlagen verkraften, um dann umso stärker zurückzukommen. Genauso habe ich aber mitgefiebert, als in Silverstone bis zuletzt vier Autos um den Sieg gekämpft haben und Vettel gewann. Das war für mich das Highlight der Saison.
Warum ist die Rivalität zwischen Vettel und Hamilton so besonders?
Ganz einfach: Die beiden größten Stars fahren Kopf an Kopf um die WM. Den Vorteil, den wir als Formel 1 haben: In anderen Sportarten wie Fußball kämpfen Teams gegeneinander. Das haben wir auch. Wir haben zusätzlich aber diese Duelle Mann gegen Mann. Und wenn dann zwei so unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, elektrisiert das. Das Duell Vettel gegen Hamilton ist so episch wie John McEnroe gegen Jimmy Connors. Beide sind große Champions, kämpfen mit allem, was sie haben gegeneinander und dann auch noch um diesen besonderen fünften WM-Titel. Und dann tut Hamilton uns mit seinen emotionalen Gesten natürlich auch einen Gefallen, weil er damit polarisiert.
Wer wird Weltmeister?
Ich bin neutral. Die Hauptsache ist: Es bleibt dramatisch.
Wäre Ihnen kein Titel eines deutschen Fahrers im roten Auto recht, der unweigerlich an die Ära Schumacher erinnern würde?
Ferrari hat natürlich einen einzigartigen Platz in der Geschichte der Formel 1, die meisten Fans und für viele Menschen ganz besondere Bedeutung. Aber ich drücke niemandem die Daumen.
Mick Schumacher hat am vergangenen Wochenende sein erstes Rennen in der Formel 3 gewonnen. Inwieweit haben Sie ihn für die Formel 1 im Blick?
Klar, das wäre natürlich eine großartige Story. Michael Schumacher spielt als Rekordweltmeister immer noch eine einzigartige Rolle in der Formel 1. Er ist eine Ikone unseres Sports und wird das auch immer bleiben. Unabhängig davon wollen wir versuchen, guten Nachwuchsfahrern den Weg in die Formel 1 zu erleichtern. Formel 2 und Formel 3 sind dabei ganz wichtige Instrumente für uns. Aber nicht überall ist die Infrastruktur für den Nachwuchs so gut wie in Europa. Wir hätten zum Beispiel auch gerne einen chinesischen oder US-amerikanischen Fahrer. Michaels Sohn Mick in der Formel 1 wäre natürlich speziell. Er würde die Herzen vieler Fans auf eine ganz einzigartige Weise berühren.
Trotzdem ist nicht alles gut in der Formel 1. Mit Force India hat ein Team ums Überleben gekämpft. Was wollen und müssen Sie noch verbessern?
Wir wollen noch mehr Action auf der Strecke, engeren Wettbewerb, ein gesünderes Businessmodell für die Teams. Digital wachsen, noch mehr Inhalte zugänglich machen, eSports stärken. Wir sind da erst in unserer zweiten Saison, aber schon jetzt kommen wir so an ganz andere Zielgruppen ran. Es gibt nicht diese eine magische Kugel, aber wenn die Leute in Deutschland sagen, dass die Formel 1 offener und interessanter geworden ist, dann ist es genau das, was wir erreichen wollten.
2021 soll es einfachere, noch stärkere und lautere Motoren geben. Sie verhandeln darüber derzeit mit den Teams. Zwischenzeitlich hatte der kürzlich verstorbene Ferrari-Präsident Sergio Marchionne mit Ausstieg gedroht. Was bedeutet sein Tod für Ferraris Zukunft in der Formel 1?
Zunächst einmal: Sein Tod ist tragisch für Ferrari und die Formel 1. Noch wenige Tage vor seiner OP habe ich mit ihm gesprochen. Wir waren uns einig, in welche Richtung sich die Formel 1 entwickeln soll. Ich denke aber, man muss Ferrari jetzt erst mal Zeit geben, sich neu aufzustellen. Und dann bin ich optimistisch, dass wir einen Kompromiss finden, mit dem alle leben können.
Holen Sie sich ab und zu noch Rat von Bernie Ecclestone?
Wir sprechen regelmäßig miteinander, aber wir sind unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir haben auch darüber debattiert, ob die Formel 1 einen Diktator brauche - wie er meint. Ich denke, große Firmen brauchen einen Leader mit Visionen, der seine Leute eigenständig arbeiten lässt. Für ihn bestand die Formel 1 aus Glamour und Einzigartigkeit, ich denke, dass sie zusätzlich auch Spaß machen sollte.
Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff