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Diesel-Manipulation bei Daimler: News und Hintergründe —

Was Sie zur Daimler-Affäre wissen sollten

Daimler muss in Deutschland 280.000 Autos zurückrufen, vom Vito bis zur V-Klasse. Alle Infos zum Mercedes-Rückruf mit einer Liste der betroffenen Autos!

(dpa/Reuters/jr/brü) Der schon angekündigte Rückruf des Autobauers Daimler wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen bei der Abgasreinigung umfasst europaweit 690.000 Diesel. In Deutschland werden 280.000 Fahrzeuge in die Werkstätten gerufen. Das bestätigte das Bundesverkehrsministerium am 20. August 2018 in Berlin. Ressortchef Andreas Scheuer (CSU) hatte den Rückruf Mitte Juni nach einem Treffen mit Konzernchef Dieter Zetsche angekündigt. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat bereits mit der Prüfung neuer Abgas-Software begonnen. Daimler betonte, man kooperiere mit den Behörden. Das Ministerium erläuterte, durch die eingebauten Einrichtungen könne es im Betrieb der Fahrzeuge zu erhöhten Stickoxid-Emissionen (NOx) kommen. Daimler muss die unzulässige Software entfernen. Es geht laut Daimler ausschließlich um Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 6b. Daimler hatte sich 2017 bereiterklärt, freiwillig rund drei Millionen Diesel-Autos nachzubessern. Wie zuvor schon beim Kleintransporter Vito legt der Hersteller auch gegen den neuen Bescheid Widerspruch ein, weil er die beanstandeten Funktionen für legal hält. 

Welche Autos betroffen sind

•  Vito mit 1,6-Liter-Diesel (Motor OM 622)
•  C-Klasse mit 1,6-Liter-Diesel (Motor OM 626)
• ML/GLE/GL/GLS mit 3,0-Liter-Diesel (Motor OM 642)
• GLC mit 2,2-Liter-Diesel (Motor OM 651)
• V-Klasse mit 2,2-Liter-Diesel (Motor OM 651)
Zudem werden weitere einzelne Modellvarianten zurückgerufen, laut Ministerium sind es weitere Varianten der C-, E- und S-Klasse. Daimler weist darauf hin, dass bei vielen Fahrzeugmodellen nur ein bestimmter Produktionszeitraum vom Rückruf betroffen ist. Von der Modell- und Motorbezeichnung alleine lässt sich daher nicht verlässlich ablesen, ob ein Fahrzeug Teil des Rückrufes ist. Betroffene Halter will Daimler informieren. Sobald die nötigen Software-Updates in den Werkstätten vorhanden sind, will der Hersteller die Halter benachrichtigen. Außerdem arbeitet Daimler an einem Online-Tool, mit dem Kunden überprüfen können, ob ihr Fahrzeug betroffen ist.

Neben VW wird auch Daimler Abgasmanipulation bescheinigt

Nach dem Volkswagen-Konzern ist Daimler damit der zweite deutsche Autobauer, dem amtlich Abgasmanipulation bescheinigt wird. Die Wolfsburger hatten erst nach massivem Druck der US-Umweltbehörden 2015 zugegeben, Dieselabgaswerte durch eine Abschalteinrichtung manipuliert zu haben. Das "Defeat Device" erkennt, ob sich ein Auto auf einem Prüfstand befindet und reduziert nur dann den Stickoxidausstoß. Auf der Straße sind die Abgaswerte sehr viel höher. Die Wiedergutmachung des Abgasskandals bei mehr als elf Millionen Pkw kostete Volkswagen über 25 Milliarden Euro.

Welche Konsequenzen drohen? 

Die Konsequenzen können vielfältig ausfallen. In Deutschland kommen auf Daimler zumindest die Kosten der Nachrüstung zu, die in die Millionen gehen dürften. Es muss eine Software entwickelt und sie muss auf die betroffenen Fahrzeuge aufgespielt werden. Hinzu kommt der Imageschaden: Daimler genießt auf wichtigen Absatzmärkten bislang einen tadellosen Ruf. Wenn der angekratzt wird, könnte sich das auf die Absatzzahlen niederschlagen, die bislang auf Rekordniveau liegen. Zudem wächst das Klagerisiko – in Europa, vor allem aber in den USA. Bei Nachweis einer illegalen Abschalteinrichtung besteht gerade dort die Gefahr einer Klage der Behörden wie auch von Privatleuten. Nicht zuletzt könnte sich US-Präsident Donald Trump in seinem scharfen Anti-Daimler-Kurs bestätigt sehen. Er wirft Mercedes und den anderen europäischen Autobauern unfaire Praktiken beim Verkauf von Autos in den USA vor. Nicht zuletzt drohen Strafen für die Missachtung von US-Umweltgesetzen. Von all diesen Dingen kann zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch keine Rede sein. Doch hatte Daimler schon im jüngsten Geschäftsbericht Vorsorge getroffen und eine Rücklage gebildet.

Was sagt Daimler zu den Vorwürfen? 

Kurz nach Bekanntwerden der Manipulation bei VW im September 2015 hatte Daimler-Chef Zetsche betont, bei Daimler sei keine Software zur Abgasmanipulation zum Einsatz gekommen. Allerdings ermitteln die Staatsanwaltschaft in Deutschland und Behörden in den USA schon seit längerer Zeit, ob auch bei Mercedes-Pkw höhere Dieselwerte die Folge gezielter Manipulation sind. Nach bisheriger Ansicht von Daimler sind die beanstandeten Abschalteinrichtungen der Abgasreinigung wie im Vito nicht rechtlich unzulässig. Nach Darstellung des Autobauers sind die Funktionen dazu da, "eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs" sicherzustellen. Daimler ficht die KBA-Bescheide zum Vito und auch zum neuen Rückrufe rechtlich an.

Gibt es Parallelen zum VW-Abgasskandal? 

Die Parallele deutet sich an, doch der Umfang erscheint zum jetzigen Zeitpunkt deutlich geringer. Das bezieht sich zum einen auf die Anzahl der betroffenen Autos, bei VW waren es weltweit elf Millionen, bei Mercedes sind es 690.000. Anfangs hatte auch VW, wie nun Daimler, bestritten Abgasmanipulationen vorgenommen zu haben. Nun hat es den Anschein, als würde auch Daimler nur zugeben, was eindeutig erwiesen ist. Immerhin gibt es Interpretationsspielraum beim Thema Motorschutz, einige Abschaltvorrichtungen könnten tatsächlich legal sein, wenn sie der Lebensdauer des Motors dienen. Welches Ausmaß die Vorwürfe annehmen, ist derzeit noch nicht abzusehen. Von einem Dieselskandal von VW-Ausmaß ist Daimler noch meilenweit entfernt.
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