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Assistenzsysteme fürs Motorrad: Test —

Assistenten wie im Auto

Clevere Assistenten, die das Motorradfahren sicherer machen, das sind Adaptive Cruise Control, Kollisions- und Totwinkelwarner, die Bosch für Zweirräder entwickelt. AUTO BILD hat sie exklusiv getestet!

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Müdigkeitswarner, Spurwechselassistent, City-Notbremssystem – für Autofahrer sind elektronische Helfer längst Alltag. In schweren Limousinen genauso wie in flotten Flitzern. Aber bei Motorrädern? Da gibt es aktive Regelsysteme wie ABS (EU-Pflicht seit 2016), Traktions- und Motor-Stabilitätskontrolle (MSC) für mehr Sicherheit beim Bremsen und Beschleunigen. Viel mehr war bislang technisch  nicht drin.

Einzige Ausnahme: BMW Motorrad rüstet seinen Maxiroller C 650 GT seit 2016 mit einem "Side View Assist" (SVA) aus. Bei diesem System überwachen Ultraschallsensoren den toten Winkel. Die umfunktionierten Parkwarner erfassen allerdings nur ca. fünf Meter rechts und links hinter dem Bike. Diese Technik hilft zwar im Stadtgewusel, aber nicht bei Autobahn- und Landstraßentempo. Wie das in Zukunft besser geht, konnte AUTO BILD exklusiv testen – auf dem Forschungs-Campus von Bosch in Renningen bei Stuttgart. Drei serienreife, aus dem Automobilbereich abgeleitete Assistenzsysteme für Motorräder hat der Technologiekonzern dort präsentiert. 2020 wollen Ducati und KTM sie auf die Straße bringen. 

Adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung (ACC)

Die logische Weiterdrehe des Tempomats. Der Fahrer legt das Zieltempo fest, das Motorrad hält die Geschwindigkeit. Taucht ein Hindernis auf, verzögert ACC das Bike automatisch, um den Abstand zum Vordermann konstant zu halten. Ist der Weg wieder frei, beschleunigt das Motorrad selbsttätig aufs Wunschtempo. Derzeit funktioniert das bis ca. 160 km/h und recht gemächlich. Biker selbst würden vermutlich vehementer Gas geben. Technisch ginge das: "Die Abstimmung ist letztlich Herstellersache", sagt Geoff Liersch, Leiter des Produktbereichs Two-Wheeler and Powersports von Bosch.
Das Verzögern beim Abstand halten erfolgt in drei Schritten: erst nur Motorbremse, dann zusätzlich Hinterrad- und letztlich auch Vorderradbremse. Die Wirkung überzeugt. Fällt das Tempo dabei unter 30 km/h, muss der Fahrer übernehmen. Automatisches Runterbremsen bis zum Stillstand macht keinen Sinn bei Motorrädern: Der Fahrer könnte das Gleichgewicht und die Kontrolle verlieren. Beides wäre kontraproduktiv.

Kollisionswarner: Blinksignal bei drohendem Crash

Fährt der Biker zu dicht auf und riskiert einen Crash, blinkt bei der Versuchs-KTM ein großes Warndreieck im Cockpit auf – gefühlt allerdings recht spät. Bei Helmen mit Bluetooth-Kopfhörer-System soll zusätzlich eine akustische Warnung erfolgen. Das dürfte die Aufmerksamkeit deutlich erhöhen.

Simpel und effektiv: der Totwinkelwarner

Schludert der Fahrer beim Schulterblick, warnt ihn dieses System per orangefarbener Leuchte an den Spiegeln verlässlich davor, zum falschen Zeitpunkt die Spur zu wechseln. Sollte der Vordermann plötzlich und unerwartet eine Notbremsung hinlegen, kann man dank dieses Systems blitzschnell entscheiden, ob man gefahrlos ausweichen kann oder ebenfalls bremsen muss. Simpel und effektiv wie im Auto. "Das Motorrad der Zukunft muss sehen und fühlen können", so Liersch. Nur so könne die Vision realisiert werden, dass eines Tages kein Biker mehr auf der Straße ums Leben kommt.
Weltweit gibt es jährlich 1,25 Millionen Verkehrstote. 23 Prozent davon sind Zwei- und Dreiradfahrer. "Wir gehen davon aus, dass radarbasierte Assistenzsysteme jeden siebten Motorradunfall verhindern können", sagt Liersch. "Die elektronischen Assistenten sind immer aufmerksam und reagieren zur Not schneller als der Mensch. Sie sind das Sinnesorgan des Motorrads." Und dringend nötig, betrachtet man die Unfallursachen von Motorradunfällen in Deutschland: Bei jedem fünften Crash fährt ein Biker dem Vordermann hinten rein. Hinzu kommen allgemeine Fahrfehler (27 Prozent) und Stürze beim Abbiegen oder an Kreuzungen (37 Prozent).

Leider noch nicht serienreif: die Anti-Abschmier-Technik

Noch ein reines Forschungsprojekt, aber bereits praxiserprobt, ist ein System zur "Rutschverhinderung", wie es etwas sperrig bei Bosch heißt. "Die 'magische Hand' trifft es vielleicht besser", sagt Anja Wahl, die in der Bosch-Abteilung Corporate Research daran arbeitet. Hierbei geht es um eine der größten Sorgen aller Motorradfahrer – das schlagartige Abschmieren in Kurven. Ändert sich plötzlich der Reibwert des Straßenbelags – sei es durch nasses Laub, eine Ölspur oder Schotter auf dem Asphalt, klappt das Vorderrad oft unvermittelt ein. Ein Sturz ist dann unvermeidbar. Beim Prototyp von Bosch wird im kritischen Moment seitlich unten am Rahmen gezielt eine Art Mini-Explosion ausgelöst, die das Bike per Rückstoß wieder in die Spur drückt. Lautstark und effektiv wie ein Airbag, von dem auch der Zünder stammt. "Bis zur Serienreife ist es aber noch ein langer Weg", sagt Geoff Liersch.
Autor: Ralf Bielefeldt